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Woraus wir bestehen

Woraus wir bestehen

Der Mensch nimmt Dinge zu sich, die dann zu einem Teil seiner selbst werden. Das gilt körperlich wie geistig — bis er selbst in etwas Größerem aufgeht.

Man könne so gut wie gar nichts mehr essen, weil man sonst sterbe, hat mir vor längerer Zeit jemand gesagt, als mal wieder ein durch den Lebensmittelmassenhandel oder einen gezielten Eingriff zwecks Panikmache verbreiteter Bazillus oder Virus oder irgend so ein Mikroviech Menschen hinraffte. Rein statistisch betrachtet leuchtet das ein: Tatsächlich sind so gut wie alle Menschen, die in den letzten, sagen wir, fünf Millionen Jahren etwas gegessen haben, in erdgeschichtlichen Maßstäben ziemlich bald darauf gestorben — und zwar völlig unabhängig davon, womit der jeweilige Todgeweihte seinen Verdauungstrakt füllte. Das, möchte man vermuten, ist eben die gemeine Hinterhältigkeit des Lebens und der Natur: Man müht sich redlich, nichts falsch zu machen, und eines Tages ist es doch vorbei.

Gründliche Pessimisten könnten unter solchen Umständen zu der Ansicht neigen, es sei am vernünftigsten, sich den ganzen Unsinn, da letztlich ja doch vergeblich, von Anfang an zu sparen und gleich gar nichts zu essen. Aber da tritt der natürliche Überlebenswille oder vielmehr -trieb auf den Plan: Freiwillig zu verhungern, um solcherart die Selbstentfaltung von Huhn, Gurke und Maiskorn nicht zu stören — die irgendwann allerdings auch ohne Lebensmittelindustrie das Zeitliche segnen —, das ist zwar leichter als die Vorgehensweise des griechischen Philosophen Diogenes von Sinope, der, um nicht noch älter werden zu müssen, neunzigjährig den Freitod suchte, indem er das Atmen einstellte, aber schwerer und zudem langweiliger als der Weg des Chrysippos, der sich mit dreiundsiebzig totlachte und den dazu nötigen Witz vermutlich auch noch selber erfand.

Dass der Mensch sich Dinge einverleibt — so wie er selbst ja überhaupt erst zum Existieren kommt, indem er einverleibt wird —, ist also irgendwie naturgegeben und eigentlich auch recht logisch. Schließlich muss er den Leibmotor am Rödeln halten, weil sonst Sense ist. Da geht es ihm nicht anders als allen Wesen, die auf dem Planeten kreuchen, fleuchen, zappeln und krabbeln beziehungsweise einfach wurzeln. Schwierig wird es da, wo die Besonderheiten anfangen: Im Unterschied zu allen anderen Lebensformen kann, nein, muss der Mensch nämlich abstrahieren. Man weiß nicht, warum das geschieht, aber es ist nicht zu verhindern. Während der Gehirn-Körper-Metabolismus der Katze relativ einfach verläuft — Gehirn meldet: Vorne muss was rein — mampf mampf —, Gehirn meldet: Hinten muss was raus und so weiter —, überträgt der Homo modernus die Notwendigkeit des Einverleibens zwanghaft auf andere Bereiche.

So ist zu erklären, dass der moderne Mensch zeitweise und bei Gelegenheit praktisch sämtliche Tätigkeiten, die Glück, Freude und Zufriedenheit erzeugen, vom Sex bis zum müßigen Herumliegen, durch besinnungsloses Mampfen und Gluckern ersetzt. So erklärt sich auch der absurde Trieb des wahnhaften Sammlers, der sich die Bude so lange mit sinnlosem Zeug vollrammelt, bis ihm unweigerlich der Boden unter den Füßen davonstürzt und er von Hekatomben ungehörter Ton- und Datenträger, ungelesener Schwarten sämtlicher Spezialgebiete, antiker Telefonkarten, Legobaukästen, Matchboxautos, Modelleisenbahnen, exponentiell vermehrter Sukkulenten, unbenutzter Jahrgangsmaßkrüge des gesamten Alpenvorlands und vergilbter Zeitschriften begraben wird. Manche haben noch kuriosere Partikular-„Interessen“, hört man.

Unter diesem Aspekt erscheint es auch logisch, dass Firmen andere Firmen aufkaufen, dass Milliardäre den Armen die Almosen kürzen lassen, um noch reicher zu werden, und ihnen zusätzlich noch ihre Daten abzapfen, dass eine Stadt wie München sich ihr Umland derart vehement einverleibt, dass sie notfalls den Bewohnern des Freisinger Landes das Grundrecht auf Heimat abspricht, um ihren Flughafenmonsterdarm noch weiter aufblähen und ihre „Leistungsträger“ noch ein paar Sekunden schneller an die Knotenpunkte der Entscheidung schei... Verzeihung: schießen zu können.

In derartigen Zwangsneurosen steckt indes immer ein Fehler, ein Grundirrtum, den derjenige, der von dem Wahn befallen ist, natürlich nicht bemerken kann.

In diesem Fall ist der springende Punkt der, dass die Einverleibung grundsätzlich nur dann einen sinnvollen und schadlosen Verlauf nehmen kann, wenn — siehe Katze — hinten fast so viel wieder herauskommt, wie vorne hineingegangen ist, und der Rest verbrannt wird. Das geht beim Essen bis zu einem bestimmten Punkt; beim Geldraffen, Zeugsammeln und beim krebsartig wuchernden Wirtschaftswachstum geht es nicht.

Da ist jeweils irgendwann Sense, dann macht es rumms, und alles Weitere ist zu unappetitlich für einen sonnigen Tag wie heute.

Seltsamerweise gibt es einen Bereich der Einverleibung, der aus unerfindlichen Gründen tabu ist: den sogenannten Kannibalismus, bei dem der karnivore Mensch nicht andersartige Tiere, sondern seinesgleichen verzehrt. Bei andersartigen Tieren ist ihm das im wahrsten Sinne des Wortes wurst — er füttert Schweine mit Schweinemehl, Fische mit Fischmehl, Hühner mit Hühnermehl, Kälber mit Rinderhirn und Knochenmark vom leiblichen eigenen Papa, weigert sich aber, den eigenen Nachbarn zu grillen oder sich und den werten Tafelgästen ein Stück vom eigenen Schinken zu servieren. Und wenn auf einer polynesischen Insel ein deutscher Abenteurer verschwindet und später in Knochenform neben einem Lagerfeuer gefunden wird, jault Bild im üblichen Hetzton stellvertretend für die ganze Wurstmampfernation: „Fraß dieser Jäger den deutschen Urlauber?“

Woher das kommt, ist schwer zu sagen. Fleisch ist Fleisch, möchte man meinen, zumindest im Darm, gepökelt und geräuchert. Zumal sich nämlich der moderne Mensch bei anderer Gelegenheit eifrig Teile von Artgenossen einverleibt, vom Blut über Haut und Sehne, Knochen, Gesicht bis zur handfesten Innerei, ob Herz, Niere oder Bauchspeicheldrüse.

Aus allen Rohren feuert derzeit mal wieder die Propagandamaschinerie der Organhändler: Wer keinen Ausweis bei sich trägt, der ihn als „Spender“ von Organen kenntlich macht, der wird früher oder später dazu gezwungen werden, sei es in sanfter Form durch soziale Ächtung oder indem man ihm vorher nicht sagt, dass er der Ausweidung widersprechen hätte müssen, und hinterher ist es dann ja zu spät. Es ist ein gewaltiges Geschäft, das dahintersteckt, denn das „gespendete“ Organ wird im Moment seiner Entnahme aus dem Leib zur Ware, und zwar zu einer sehr profitablen. Deshalb achten die, die davon profitieren, auch peinlich genau darauf, dass niemand sie überwacht, prüft, untersucht oder ihre Definitionen infrage stellt.

Deshalb auch beruht das ganze Geschäft auf einer großen Lüge: Niemandem, der aus gesunder Nächstenliebe nach dem Tod auf seine Organe zu verzichten bereit ist, wird erklärt, dass Organe von Toten nutzlos sind, dass Organe nur dann transplantiert werden können, wenn sie lebenden Körpern entnommen werden. Um dies zu verschleiern, erfanden die Profiteure eine neue Definition des Todes, der seit 1997 dann eintritt, wenn zwei dazu ermächtigte Diagnostiker die letzte von acht nötigen Unterschriften geleistet haben.

Seitdem ist es möglich, tot zu sein und dennoch zu schwitzen, sich ruckartig zu bewegen, zu erröten, mit den Schultern zu zucken, das Bein anzuziehen, eine Erektion zu haben, den Diagnostiker zu umarmen und anderes zu tun, was früher als Lebenszeichen galt. Selbst lachen darf man, so wie einst der griechische Philosoph, der sich seinen krausen Suizid folglich heute sparen könnte, indem er sich einfach für tot erklären ließe; Unterschrift genügt.

Nicht einmal eine Narkose, so erfahren wir, sei nötig, wenn der „Spender“ ausgeschlachtet wird, weil ein „Hirntoter“ keinen Schmerz mehr empfinden könne. Woher man das weiß? Man weiß es nicht, man hat es so verfügt.

Dass der „Tote“ am Ende der bis zu sechsstündigen Prozedur, wenn man ihm schließlich eine Kühlflüssigkeit in die Adern pumpt, immer noch zuckt, muss ja nichts bedeuten. Vor Kurzem nahm man noch an, dass Fische generell keinen Schmerz empfinden. Das weiß man heute besser. Von „Hirntoten“ will man es gar nicht wissen. Man will auch nicht wissen, dass viele Organempfänger für den meist kurzen Rest ihres Lebens unter kannibalistischen Albträumen leiden.

Ich bestreite nicht, dass hinter der Millionenindustrie ein menschenfreundlicher Grundgedanke und gute Absichten stecken mögen, zumindest irgendwo. Aber wie wir alle wissen, ist gut gemeint nicht zwingend gut; und ob es gut ist, dass das moderne Leben im Leib eines anderen Menschen nicht nur beginnt, sondern auch — stückweise — endet, mag ich nicht beurteilen müssen. Vielleicht ist es am Ende so, dass sich der Mensch idealerweise nur das einverleibt, was er entweder verbrennen oder wieder ausscheiden kann.

Und wenn er andererseits im überschäumenden Rausch von Macht und Reichtum eines Tages beschließt, sich selbst in Form von digitalem Eins-null-eins-null-eins-null-Gehampel von einem Elektrogerät einverleiben zu lassen, dann stört das wenigstens niemanden — erst recht nicht, wenn irgendein Lausbub den Stecker aus der Dose zieht oder der Blitz einschlägt oder ein fehlerhaftes Update ganze Generationen von Old Global Leaders aus der Cloud löscht.


Belästigungen #25 - Der Mensch als Teil des Menschen

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