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Wortlos über die Lippen gehen

Wortlos über die Lippen gehen

Am 6. Juli ist Weltkusstag. Diese Geste der Zuneigung ist im Schwinden begriffen — Zeit, sie zu rekultivieren.

Der Kuss ist eine der zärtlichsten Gesten, die wir einander schenken können. Kein Platz für harte Worte oder kalte Analysen. Keine Vorwürfe kommen über die Lippen, keine Urteile, keine abwertenden Bemerkungen. Wir öffnen uns für den anderen, bereit, mit ihm das Schönste zu teilen, was wir zu geben haben: Zuneigung. Zärtlichkeit. Vertrauen. Liebe.

Küssen, das ist Loslassen, Hingabe. Küssen ist komplett irrational. Küssen ist Süße. Möglichst lange wollen wir sie kosten. Schon ist das Bedauern da, dass der Kuss zu Ende geht. Doch ohne Ende gäbe es keinen neuen Kuss. Und so ziehen wir das Gesicht des geliebten Menschen erneut zu uns und halten ihn, damit er sich fallenlassen kann.

Weiter soll es hier nicht gehen. Denn Küsse haben nicht allein mit Sex zu tun. Potenziell kann jeder jeden küssen. Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Steine können geküsst werden — alles, was uns am Herzen liegt. Dem Küssen sind keine Grenzen auferlegt. Es gibt sie voller Freude und voller Trauer, voller Unschuld und voller Begehren. Manche sind schnell dahingeworfen, manche dauern Stunden. Manche töten, manche retten Leben.

Wie es euch gefällt

Im antiken Rom gab es drei Varianten des Kusses. Beim Basium wurde als Zeichen der Anerkennung ohne Zunge auf die Lippen geküsst. Eine Mutter konnte so die Tochter küssen oder ein Vater den Sohn. Der Osculum fand außerhalb der Familie statt und ähnelte dem Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew. Der Suavium ist der klassische Liebeskuss mit Zunge und erotischer Bedeutung. Egal ob Abschiedskuss, Bruderkuss, Eskimokuss, Filmkuss, Handkuss, Judaskuss, Luftkuss, Schmetterlingskuss, Wangenkuss oder Zungenkuss — es geschieht etwas.

Küssen, daran besteht kein Zweifel, ist gut für die Gesundheit. Es setzt Glückshormone frei und erzeugt positive Gefühle.

Der Stoffwechsel wird angeregt, das Herz pumpt mehr Blut und Sauerstoff durch den Körper und schlägt schneller, durch den Austausch von Mikroben wird das Immunsystem stimuliert und gestärkt, Stress wird reduziert. Zwischen 30 und 60 Muskeln im Gesichts- und Halsbereich werden beim Küssen trainiert. Das Ergebnis sind eine straffere Haut und eine gesunde Gesichtsfarbe.

Küssen gehört zum Alltag. In den südeuropäischen Ländern küsst man sich zur Begrüßung auf die Wangen. Man hält sich nicht mit einer Armlänge auf Distanz, sondern kommt sich sehr nah. Ob einmal oder fünfmal: Begrüßungsküssen will gelernt sein, wenn sich nicht Nasen und Brillen ineinander verhaken sollen. Dafür gibt es in Frankreich eine carte de la bise. So weiß der Küssende, auf was er sich bei seinen Reisen durch das Land einstellen muss.

Nicht überall wird geküsst. Südlich der Sahara oder in Zentralamerika soll das Küssen wenig verbreitet sein. In manchen Teilen der Welt ist das öffentliche Küssen ein Tabu.

Den kussfreudigen Ländern Europas, Asiens und Nordamerikas hat die Coronazeit stark zugesetzt. Wir erlebten ein regelrechtes Ende des Küssens. In Österreich, dem Land des galanten Handkusses, gab es aufgrund hygienischer Bedenken sogar ein gesetzliches Kussverbot.

Herz an Herz

Mit dem Social Distancing ging auch die Kommunikation auf Distanz. Viele bleiben seitdem auf Abstand. In der aktuellen Zeit geht es mehr um Polarisierung und Digitalisierung als um Küssen. Menschen, die nur noch über Displays miteinander kommunizieren, so der Kussspezialist Hektor Haarkötter, verlernen das Küssen regelrecht (1). So geht nicht nur ein Teil unserer Kommunikation verloren. Unser Immunsystem und unser Kreislauf werden weniger stimuliert, wir werden uns insgesamt fremder und haben weniger Spaß.

Dabei ist Küssen so einfach! Es ist gar nicht schwer, auf einen anderen Menschen zuzugehen und ihm in die Augen zu sehen. Wir können ganz galant beginnen. Vielleicht nehmen wir die Hand eines Menschen, dem wir lange nicht unsere Zuneigung gezeigt haben. Ob jung oder alt, Mann oder Frau — es fühlt sich gut an, eine Hand zu küssen. Vielleicht gehen wir weiter und nehmen uns in die Arme. Vielleicht spüren wir, wie Herz an Herz klopft. Und vielleicht küssen wir ...

Wie gut die Nähe tut! Es muss gar nicht gesprochen werden. Keine Erklärungen müssen abgegeben werden. Wir sind beieinander. Das ist das Wichtigste. Wir spüren die Verbindung. Trotz allem. Egal, wie alt das Küssen ist, egal, wer den Weltkusstag erfunden hat, ob Basium, Osculum oder Suavium: Entscheidend ist, was wir daraus machen.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Hektor Haarkötter: Küssen — eine berührende Kommunikationsart, S. Fischer 2024

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