Wenn ich nun überlebe? Wenn ich nicht, so wie ich es vermute, in nächster Zeit zerfalle: Was dann? Womit bringe ich mein Leben zu? Alles ist darauf zugeschnitten, dass ich in nächster Zeit zerfalle. Ich habe deshalb auch nichts Neues angefangen. Es ist doch töricht etwas Neues anzufangen, wenn man glaubt, in nächster Zeit zu zerfallen.
Ich habe auch schon die Menschen nicht mehr gegrüßt, weil ich glaubte, ich würde sie sowieso nicht mehr wiedersehen. Und wenn ich sie nun doch wiedersehe? Ich war so überzeugt davon, sie nie wiederzusehen, ich war auch überzeugt davon, nichts Neues mehr anfangen zu können, da ich ja in absehbarer Zeit zerfalle. So wurde es mir auch von allerlei Stellen gesagt. Institutionen zumeist, Ärzte waren auch darunter, aber auch Vertreter von Banken und Versicherungen. Sie alle haben mir gesagt, dass ich, und ich könne nichts dagegen tun, in nächster Zeit zerfallen würde.
Ich gebe zu, ich hatte schon damit gerechnet, dass solche Urteile irgendwann mir gegenüber ausgesprochen würden. Aber nicht so früh und auch nicht mit einer solchen Heftigkeit. Ich musste mich zuerst einmal setzen und nachdenklich in die Luft starren. Das habe ich dann einige Stunden gemacht, bin aber, wie ich es auch schon vermutete, zu keinem Ergebnis gekommen. Denn gerade dieses Zu-keinem-Ergebnis-Kommen ist eine der Ursachen, warum ich in nächster Zeit zerfallen werde. Es ist ein Unglück.
Natürlich habe ich in meiner nächsten Umgebung nach Hilfe gesucht. Es wurde mir auch dementsprechend geantwortet. Aber es waren halt nur Allgemeinplätze, und es ist ja für einen Menschen nur natürlich, dass er in nächster Zeit zerfallen wird, wenn er in seiner Umgebung nur Allgemeinplätze in Form von nichtssagenden Aussagen zu hören bekommt.
Gewiss ist Mitgefühl dabei, doch, seien wir ehrlich, sobald sich diese Mitgefühlsausdrücker von einem abwenden, lachen sie sich in ihre schmutzige Faust, weil sie es innerlich freut, jemanden zu kennen, der in nächster Zeit zerfallen wird.
Denn der Zerfall des anderen stärkt den eigenen Lebensmut. Das ist eine Tatsache. So helfe ich vielen Menschen, zumindest jenen, die ich kenne, wenn ich in nächster Zeit zerfalle. Sie werden in ihrem Lebensmut gestärkt. Und es ist doch heutzutage sehr wichtig, dass einem der Lebensmut gestärkt wird, und es ist nun einmal so, dass einem das Leid der anderen den eigenen Lebensmut steigert.
Kaum jemand kommt ja auf die Idee zu sagen, ich handle so, dass ich dadurch meinen Lebensmut steigern kann. Das tut kaum jemand. Und auch die Institutionen sind nicht daran interessiert, dass der Lebensmut des Einzelnen steigt, denn starke Menschen sind der Tod vieler Institutionen.
Darum ist ja auch die Schwäche so weit verbreitet. Gerade jene, die sich für besonders stark halten, sind in Wirklichkeit die schwächsten Menschen. Weil sie nicht zuallererst sich selber stark machen wollen, sondern den Auftrag haben, andere stark zu machen. Und das ist eine große Schwäche.
Sie glauben sich zwar stark, da sie ja so viele Menschen hinter sich wissen, oder auch Organisationen und Wissenschaftsstrukturen. Das stärkt sie vordergründig, aber als einzelner Mensch sind sie nur noch ein verkommenes, verwaschenes Bild. Sie kommen auch nicht mehr aus ihrem Bild heraus, sie können sich nicht in ihr Badezimmer zurückziehen und mal sich selber gründlich riechen, um wieder ein Gefühl für die eigene Menschlichkeit zu bekommen. Nein, das können sie nicht. Sie riechen immer nur nach den anderen, weil sie nicht mehr sie selber sind.
Ich habe mich jetzt ein wenig verloren. Aber auch das ist ein Grund, warum ich in nächster Zeit zerfallen werde, so hoffe ich zumindest. Weil ich solche unordentlichen Reden führe. Ich rede ja eigentlich nicht, sondern ich schreibe so, als ob ich reden würde.
Es ist ja auch so, dass es keine Fürsprecher für die Unordentlichkeit mehr gibt. Alle führen nur noch rasiermesserscharfe Klingen der Selbstverteidigung mit sich. Sie lassen sich nicht mehr ins Wanken bringen. Und nur die Unordnung kann einen verfestigten Gedanken ins Wanken bringen. Ob er dann fällt, sei dahingestellt.
Ach, wenn es nur viel mehr Schwankende gäbe. Solche, die noch kein festes Urteil haben, die aus einer tiefen Menschlichkeit heraus durch ihr Leben wanken.
Man mag ruhig glauben, dass sie den ganzen Tag betrunken sind, und das sind sie ja auch oft. Denn es ist schwer auszuhalten, sich in der Schwebe zu befinden und dieses Schweben über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten.
Fällt man dann, wird man schnell zu einem kalten Stein, über den die Welt dann stolpert und Unsagbares flucht. Aber die Schwebe, oder das leichte Fliegen erzeugt eine seltsame Wärme. Eine Wärme, in die sich andere Menschen hinzugesellen. Die dann auch Warmes reden. Füllendes und Fehlbares. Es wird viel gelacht dabei, manches Glas gehoben, um etwas Unverständliches zu sagen.
Auch die Dinge in dieser Umgebung verlieren die Schärfe ihrer Kontur, alles wird runder, abgebrochener, zersplitterter, verfallener. Darin ist dann auch der Tanz möglich, der doch in uns allen im Körper steckt. Es handelt sich nicht um einen Formtanz oder diesen unsäglich stählernen Balletttanz. Nein, ein leichtes Tanzen ist es, ein vom Gefühl empfohlenes, eines, das Gedanken meint, die flächig sind, fiebrig, auch aber genauso ungehalten und fremd. Eine Fremdheit aber, die träumt, die aufmacht und nicht schließt.
Dieses Fremde lässt eine Sprache zu, die sich in neuen Ideen lüstern färbt, Ideen, die nur der Zerfall zu Stande bringt und die sich öffnen für eine zwar ungewisse, aber wärmende Zukunft. Jeder Anfang ist da fremd und deshalb braucht es Vertrauen, jeder Gedanke ist erholend, erfrischend, wenn er kein Ziel verfolgt. Die lüsterne Färbung ergibt sich aus der Universalität der Möglichkeiten, die nur der eigene Zerfall erzeugen kann. Deshalb bin ich träumend erholt und beginne aufs Neue.
Schon wieder bin ich mir abhanden gekommen. Ich schwebe doch allzu gerne. Und trotzdem werde ich in nächster Zeit zerfallen. So ist mein Plan. Oder zumindest meine Hoffnung. Denn auf dem Boden der Wirklichkeit kann ich nicht mehr vorwärtskommen. Lieber kündige ich meine Verbundenheit mit der Zeit.
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