Die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt hat beschlossen, bei der für Dezember angekündigten Wahl des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten geschlossen den Plenarsaal zu verlassen. 14 der 15 CDU-Abgeordneten stimmten für dieses Vorgehen, einer enthielt sich. Der Grund ist bemerkenswert: Die Partei möchte verhindern, dass einzelne CDU-Abgeordnete in der geheimen Wahl möglicherweise für Siegmund stimmen und anschließend erneut darüber spekuliert wird. Genau das war wenige Tage zuvor bei der Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten geschehen. Rausch erhielt 48 Stimmen, obwohl AfD und BSW zusammen nur über 44 Mandate verfügen. Mindestens vier Stimmen kamen also aus anderen Fraktionen – und vieles deutet darauf hin, dass zumindest einige davon aus der CDU stammten.
Statt die vom Grundgesetz ausdrücklich garantierte Freiheit des Abgeordneten und das Geheimnis der Wahl auszuhalten, hat die CDU nun eine ausgesprochen eigenwillige Lösung gefunden: Man nimmt an der Abstimmung einfach nicht teil. Damit wird das Problem möglicher Abweichler nicht politisch gelöst, sondern dadurch, dass den eigenen Abgeordneten gar keine Gelegenheit mehr gegeben wird, im Schutz der geheimen Wahl anders zu entscheiden als von der Parteiführung gewünscht. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller brachte die Logik bemerkenswert offen auf den Punkt: „Wer keinen Stimmzettel abgibt, dem kann hinterher niemand etwas unterstellen.“ Das ist zwar legal, wirft aber durchaus Fragen darüber auf, was eine geheime parlamentarische Wahl noch wert ist, wenn eine Fraktion aus Angst vor dem möglichen Abstimmungsverhalten ihrer eigenen Abgeordneten geschlossen den Raum verlässt.
Hinzu kommt, dass das Manöver spätestens in einem möglichen dritten Wahlgang sogar nach hinten losgehen könnte. In den ersten beiden Wahlgängen benötigt Siegmund 42 Stimmen, also die Mehrheit aller Landtagsmitglieder. Im dritten Wahlgang reicht dagegen die Mehrheit der tatsächlich abgegebenen Stimmen. Würde die CDU auch dann den Saal verlassen, würde sie das notwendige Quorum für den AfD-Kandidaten sogar senken; nach Berechnungen des Deutschlandfunks könnten dann bereits 34 Stimmen genügen. Der Versuch, jede denkbare CDU-Stimme für die AfD demonstrativ unmöglich zu machen, könnte am Ende also ausgerechnet deren Kandidaten die Wahl erleichtern.