Seit diesem Schuljahr wird Russisch an lettischen Schulen schrittweise als reguläre zweite Fremdsprache abgeschafft. Stattdessen müssen Schulen eine Amtssprache der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums anbieten; besonders stark wächst dabei der Deutschunterricht. Die Tagesschau rahmt diesen Vorgang nahezu ausschließlich positiv: Lettland „orientiere sich stärker nach Europa“, für Deutschland eröffne sich eine „Riesenchance“, und eine neue Generation entdecke Deutschland als Partner. Dass hier eine Sprache aus dem schulischen Angebot gedrängt wird, die von ungefähr einem Drittel der Bevölkerung zu Hause gesprochen wird, erscheint in diesem Narrativ vor allem als sympathische Erfolgsgeschichte europäischer Integration.
Genau darin liegt das Problem. Das Zurückdrängen oder Verbieten einer Sprache aus Bildung und öffentlichem Leben ist historisch immer wieder ein Instrument politischer und kultureller Assimilation gewesen. Sprache ist Träger von Identität, Familiengeschichte und gesellschaftlicher Teilhabe; freiheitliche Werte zeigen sich deshalb nicht darin, unerwünschte Sprachen zu verdrängen, sondern darin, auch solche Sprachen auszuhalten und zu schützen, die politisch belastet oder mit einem gegnerischen Staat verbunden sind. Der Europarat hat Lettland bereits wegen der zunehmenden Einschränkung russischsprachiger Bildungsangebote und der möglichen Benachteiligung der russischsprachigen Minderheit kritisiert. Lettlands historische Erfahrung mit sowjetischer Russifizierung erklärt den politischen Impuls, die lettische Sprache zu stärken – sie macht die umgekehrte Verdrängung russischer Sprache aber nicht automatisch zu einem liberalen Projekt.
Besonders befremdlich ist deshalb die Rolle des Goethe-Instituts. Dessen Aufgabe besteht eigentlich darin, Sprache als Mittel kulturellen Austauschs, Verständigung und Begegnung zu fördern. Im Tagesschau-Beitrag wird ausgerechnet dessen Vertreter mit der Aussage zitiert, die neue Situation sei für Deutschland eine „Riesenchance“. Dass der Aufstieg des Deutschen hier unmittelbar mit dem staatlich verordneten Rückzug einer anderen Sprache verbunden ist, wird kaum problematisiert. Gerade eine Institution, die weltweit für kulturelle Verständigung durch Sprache steht, hätte allen Grund, bei einem solchen Vorgang Zurückhaltung zu üben. Wenn deutsche Sprache dort gewinnt, weil eine von Hunderttausenden Menschen gesprochene Sprache politisch aus dem Unterricht verdrängt wird, ist das kein Anlass zum Jubel, sondern mindestens einer zum Unbehagen.