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Die anderen Deutschen

Die anderen Deutschen

Der Bestseller eines Leipziger Akademikers hat eine Identitätsdebatte entfacht, die den Blick öffnen könnte für ein neues Zusammenleben.

Ich weiß: Eigenwerbung stinkt. Deshalb wollte ich hier eigentlich nicht über mein neues Buch schreiben, zumal es auch da in gewisser Weise um mich selbst geht. Ich bin zwar nicht dabei in der Sammlung von 20 Interviews, die ich mit Bianca Kellner-Zotz gerade veröffentlicht habe, aber alle Menschen, die dort sprechen, kommen wie ich aus dem Osten und machen irgendwas mit Medien (1).

Paul Schreyer und René Schlott, Vera Lengsfeld und Jens Wernicke, Alexander Wendt, einer der Köpfe von Tichys Einblick, und Susanne Dagen, die in Dresden eine Buchhandlung und einen Verlag hat. Immer geht es um die Frage, ob die Vergangenheit etwas mit der Gegenwart macht. Schreiben, spielen, singen Menschen anders, wenn sie die DDR erlebt haben? Wenn ja: Was macht den Ost-Blick aus und was gewinnen wir alle allein dadurch, dass es diese Menschen gibt?

Der Zufall wollte, dass „Der Osten“ am Erscheinungstag an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste steht. Dirk Oschmann, ein Thüringer, mein Jahrgang und seit 2011 Professor für Neuere deutsche Literatur, hat sich den Frust von der Seele geschrieben und damit Feuilletons und Leserherzen erobert (2).

Seine These: Die Spaltung ist noch da. Hier die Norm, dort die Abweichung. Hier der Gesunde und dort der Kranke, den es zu heilen gilt. Das heißt: Wer Stabilität will und die Demokratie liebt, muss anders über „Westen“ und „Osten“ reden. Sonst geht hier über kurz oder lang alles den Bach runter.

Dirk Oschmann sagt selbst: Was er da aufschreibt, ist längst bekannt. Deshalb spitzt er zu, deshalb teilt er aus – vor allem gegen die Leitmedien, die mehr oder weniger „komplett in westdeutscher Hand“ und deshalb „normalerweise auch vollständig von westdeutschen Perspektiven beherrscht“ sind (3). Jeder weiß, wie dort über den Osten gesprochen wird: „zynisch, herablassend, selbstgefällig, ahistorisch und selbstgerecht“. Die Folge: Der Begriff „Osten“ ist zu einem „infamen Zeichen der Unterscheidung“ geworden, zu einer „Markierung“, die nicht nur diejenigen ausbremst und ausschließt, die in der DDR aufgewachsen sind, sondern auch ihre Kinder und Enkel (4).

Selbst ein Literaturwissenschaftler kommt natürlich nicht ums Thema Geld herum. Das Vermögen und damit die Erbschaft. Die Löhne, immer noch. Der Start ins Leben hängt auch davon ab, wie viel die Familie für die Ausbildung ausgeben kann, für Reisen in die USA, für eine Wohnung in den teuren Städten, in denen Karrieren zu wachsen beginnen. München, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main. Für Dirk Oschmann ist aber der Stempel wichtiger, den jede Herkunft aus dem Osten mit sich bringt – auch bei denen, die viel jünger sind als er und ich.

Der Westen, sagt Oschmann, hat sich den Osten so zugerichtet, dass von dort keine Gefahr droht. Der Osten steht für all das, was niemand mag. Nazis, Fremdenfeindlichkeit, Doping. Sachsen. Dresden. RB Leipzig.

Ich liebe den Profifußball, weil sich hier studieren lässt, wie die Gesellschaft gerade tickt. Meine Faustregel: Sprich mit den Menschen über Fußball und du weißt, wer sie sind. Bei Dirk Oschmann tauchen Michael Ballack und Toni Kroos auf, jeweils herausragend in ihrer Generation. Den Fans muss ich nicht erzählen, welchen Stellenwert die beiden hierzulande im Sportjournalismus hatten und haben. Meine Studenten haben mich ungläubig angeschaut, als ich ihnen im Sommer 2014 gesagt habe, dass uns ein Ostdeutscher zum WM-Titel führen werde. Wer, bitteschön, soll das sein? Real Madrid war schlauer.

Im Buch von Dirk Oschmann sind die zwei Seiten gegen den Hass auf die Leipziger Brausemannschaft ein absoluter Höhepunkt. Der Fußballgott, sagt er sinngemäß, wusste im Mai 2022, was dieser Klub für den Osten tut, und hat ihn das Pokalendspiel gegen alle Widrigkeiten und irgendwie auch gegen den SC Freiburg gewinnen lassen (5).

Dirk Oschmann spricht in gewisser Weise auch für mich und für alle Männer, die um 1970 oder etwas früher in der DDR geboren wurden und 1989 schon deshalb an ihre Chance glaubten, weil sie noch frisch waren und kaum belastet durch das, was schon damals in Bausch und Bogen verdammt wurde (6). Oschmann nennt Steffen Mau und Ilko-Sascha Kowalczuk — zwei dieser Ostmänner, die ganz anders auf das Hier und Heute blicken (7) — und begründet das nicht nur mit der Ernüchterung, die sich ganz zwangsläufig einstellt, wenn man Mitte 50 ist und sieht, dass sich nichts tut.

Der Vergleich ist es, sagt Dirk Oschmann. Der Osten habe „ein Vielfaches an politischer Erfahrung“. Realsozialismus, Umsturz, die anderthalb Jahre „Basisdemokratie“, bis der Westen übernahm (8), und schließlich die „gegenwärtige Spielart der Demokratie“ (9), zu der er vieles sagt, was auch im Rubikon stehen könnte. Der lange Atem von Faschismus und westlichem Kolonialismus. Das Versprechen auf Teilhabe, das ohne Macht und Geld hohl bleibt. Politiker, die sich Doktortitel erschleichen, vor Lobbyisten katzbuckeln und sich an nichts erinnern wollen, wenn es hart auf hart kommt. Eine Presse, die kein Korrektiv mehr ist. Aber das alles führt weg vom Thema.

Ich will hier für mein neues Buch werben, obwohl ich fast alles unterschreiben kann, was Dirk Oschmann sagt, und von ihm daran erinnert wurde, dass der „Osten“ auch jenseits von Deutschland für das Schlechte steht und für das, was keiner haben will. Dirk Oschmann möchte sich nicht zum „Ostdeutschen“ machen lassen, „mit all den damit verbundenen pejorativen Implikationen“ (10). In gewisser Weise kann ich das verstehen. Oschmann schreibt, dass er seit 1990 grün wählt und die Leitmedien nutzt. Er verteidigt Franziska Giffey und die Uiguren und kritisiert zwar, dass DDR-Vergleiche ein „absolutes Tabu“ sind, klammert aber auf der gleichen Seite den „Unsinn“ aus, „der von Verschwörungstheoretikern, Querdenkern, der AfD und ähnlich Gesinnten produziert wird“ (11).

Yana Milev, ebenfalls ostdeutsch und ungefähr so alt wie die enttäuschten Männer, würde vermutlich sagen: Hier spricht ein „Quoten-Ostdeutscher“ – einer von den zwei Millionen, geboren zwischen 1935 und 1975, die „im neuen System als protektionswürdig galten und Aufstiegschancen erhielten“ – weil sie eine Oppositionsbiografie mitbrachten oder das passende Wertesystem und sich deshalb „sogleich als Bundesbürger“ fühlen konnten (12). Ich will Dirk Oschmann nicht zu nahe treten. Wir kennen uns nicht und ich finde sein Buch gut und wichtig. Ich fürchte aber, dass eine Akademikerbrille schnell blind wird für das, was außerhalb der Universitäten wächst.

Das beginnt mit den kleinen Dingen. Der Stolz auf die „Heimat“, schreibt Oschmann, auf „regionale Besonderheiten und Schönheiten“, sei „dem Osten komplett genommen“ worden (13).

Ich war Ende März zu einem Vortrag in Freiberg. 170 Leute in einem wunderschönen Saal. Ich musste die Stadt nicht loben. Die Einheimischen wissen, wo sie da leben. Sie sagen „Glück auf“ und nicht „Grüß Gott“. Am Ende sind alle aufgestanden und haben das Steigerlied gesungen, das wir dann um Mitternacht auch in der Kneipe hören konnten. Viele aus dem Publikum gehen weiter jeden Montag spazieren und sind sich ziemlich sicher, damit das Land verändern zu können – genau wie damals.

Die Interviews, die Bianca Kellner-Zotz und ich in unserem Buch dokumentieren, sagen, wohin die Reise gehen könnte. Natürlich: Nicht einmal 20 Leute lassen sich über einen Kamm scheren und schon gar nicht die vielen anderen, die wir zitieren können, weil sie Interviews zum Thema gegeben haben oder Bücher geschrieben (14). Katrin Huß, die beim MDR ein Star war und dann mit Hans-Joachim Maaz im TV live über Flüchtlinge sprach, sieht die Welt anders als Robert Schumann, Sohn eines DDR-Spitzenjournalisten und heute einer der besten Buchgestalter im Land, oder Steffen Mensching, Comedian, Schriftsteller, Theaterintendant.

Ich wage es trotzdem. Punkt eins: das Kollektiv. Überhaupt die Achtung vor denen, ohne die niemand Theater spielen, Filme drehen, Zeitung machen kann.

„Ich habe mich noch nie als Solo-Künstler gesehen“, sagt Heike Ronniger, eine Kabarettistin. „Ganz alleine auf der Bühne eine Stunde lang irgendetwas abzufeuern: Das hat für mich etwas Arrogantes. Ich finde es absurd anzustreben, dass jemand nur mir stundenlang zuhört.“ Punkt zwei: lieber Spaß mit der Arbeit als Ruhm und Geld. Robert Schumann, der unter anderem für die Cover von Westend und Rubikon sorgt:

„Wenn man als Grafikdesigner gut verdienen will, muss man Geschäftsberichte machen. Man braucht Industriekunden und sichere Verträge. Ich will eine Partnerschaft mit Leuten, die wichtige Inhalte haben.“

Und Punkt drei: Wer einmal in Sprach- und Denkschablonen gepresst war, riecht jede Form von Propaganda drei Meilen gegen den Wind und weiß nicht nur, wie schnell Kampagnen zusammenbrechen, sondern auch, was Zusammenhalt ausmachen kann.

Alexander Wendt, ein Leipziger, der 1989/90 in den Journalismus ging und lange beim Focus war:

„Ich stehe instinktiv immer auf der Seite von Leuten, die angegriffen werden, weil sie Fleisch essen, Auto fahren, im Eigenheim leben, obwohl das nicht mein Lebensstil ist.“

Wenn Ronniger, Schumann, Wendt und all die anderen sprechen, höre ich den Sound einer Gesellschaft, die das Miteinander vor den Ellenbogen stellt. Ich sehe Ostdeutsche vor mir, die sich vom Westen nicht haben zurichten lassen und sich nicht darum scheren, was sonst so über den „Osten“ erzählt wird. Vielleicht liest Dirk Oschmann ja unser Buch und findet da etwas von dem, was auch ihn von vielen Westdeutschen unterscheidet.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Vergleiche Bianca Kellner-Zotz, Michael Meyen: Wir sind die anderen. Ostdeutsche Medienmenschen und das Erbe der DDR, Herbert von Halem, Köln 2023
(2) Vergleiche Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, Ullstein, Berlin 2023
(3) Ebenda, Seite 30
(4) Ebenda, Seite 31, 76
(5) Ebenda, Seite 148 bis 150
(6) Vergleiche Michael Meyen: „Wir haben freier gelebt“. Die DDR im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, transcript, Bielefeld 2013
(7) Vergleiche Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp, Berlin 2019 und Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, C. H. Beck, München 2019
(8) Vergleiche Michael Meyen: Das Erbe sind wir. Warum die Leipziger Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte, Herbert von Halem, Köln 2020
(9) Oschmann, Der Osten, Seite 94
(10) Ebenda, Seite 145
(11) Ebenda, Seite 176
(12) Yana Milev: Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme, Das Neue Berlin, Berlin 2020, Seite 247 bis 248
(13) Oschmann, Der Osten, Seite 84
(14) Vergleiche exemplarisch Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch, Das Neue Berlin, Berlin 2020


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