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Die Macht des Gewissens

Die Macht des Gewissens

Aus Leben und Wirken des Hitler-Attentäters Johann Georg Elser ergeben sich grundsätzliche Fragen zur Ethik des Widerstands.

Für den 35-jährigen Schreinergesellen Georg Elser aus dem schwäbischen Königsbronn stand nach dem Münchner Abkommen im September 1938 fest: Hitler wird Deutschland in den Krieg führen, er muss beseitigt werden. Von ihm, von Elser selbst. Georg Elser bereitete fortan den Tyrannenmord präzise vor, ordnete der Tat sein Leben unter. Ein Sprengsatz mit Zeitzünder sollte während der alljährlichen Gedenkfeier des Hitlerputsches den Führer und weitere Nazi-Größen im Münchner Bürgerbräukeller töten.

Dreizehn Monate später, am 8. November 1939, detonierte wie geplant um 21.20 Uhr die Bombe im Bürgerbräusaal. Acht Menschen starben. Unter den Toten waren aber weder Adolf Hitler noch einer der führenden Köpfe der NSDAP. Was war geschehen? Der Führer und seine Entourage hatten das Protokoll des Abends geändert und die Veranstaltung bereits um 21.07 Uhr verlassen. Georg Elser wurde noch am selben Abend an der Schweizer Grenze festgenommen.

Wolfgang Benz‘ jüngst erschienenes Buch über Johann Georg Elser tut not, denn nach kurzer Erinnerung in den Nullerjahren verschwand Elser zuletzt wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung. Gerade in München, dem Ort seiner Tat, ist Elser der jüngeren Generation kaum noch ein Begriff. Sie weiß nicht, dass hier, in der „Hauptstadt der Bewegung“, einer ganz alleine dem Weltenbrand trotzte.

Benz ruft einen Menschen in Erinnerung, der im Dritten Reich nicht zum organisierten Widerstand zählte.

Georg Elser folgte einzig und allein seinem Gewissen, das die fanatische Enge des Dritten Reichs nicht ertrug. Elser war einer, wie Benz schreibt, „dem die persönliche Freiheit über alles ging“; er gehörte nicht zum „dressierten Volk“.

Wolfgang Benz‘ Biografie ist unsentimental. Mit Akribie beschreibt er das kurze Leben des Johann Georg Elser von der Geburt am 4. Januar 1903 in Hermaringen bei Heilbronn bis zum gewaltsamen Tod am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau. Die pietistische Erziehung durch die Mutter, der Erste Weltkrieg und der raue Alltag auf der Schwäbischen Ostalb formten den ernsten Mensch, der später zur Tat gegen Hitler schritt.

„Der Krieg und die Weimarer Republik prägten das Weltbild des jungen Georg Elser. Für ihn blieb der Krieg das schlimmste aller Übel.“

Georg Elser hatte den Nationalsozialisten in die Karten geschaut und danach für sich eine Entscheidung getroffen. Genau diese Entscheidung, die Entscheidung eines Einzelnen, konnten die Nazis nicht glauben. Wolfgang Benz arbeitet diesen Punkt immer wieder heraus: „Denn Widerstand, gar ein Mordkomplott aus der deutschen Bevölkerung, war nach nationalsozialistischer Räson völlig unmöglich.“ Die Nazis ahnten nicht, was ein Einzelner vermochte, sie ahnten nicht, was Gewissen ist, weil sie keins hatten.

„Am wenigsten wollte der zufällig davongekommene Hitler an die Alleintäterschaft des schlichten Mannes aus dem Schwabenland glauben.“

Georg Elser wurde noch am Abend des Attentats in Konstanz an der Schweizer Grenze festgenommen. Er verhielt sich ungeschickt, war unaufmerksam, vermutlich nervös. Hitler hielt im Bürgerbräukeller gerade seine Rede.

„Welcher Idiot hat diesen Bericht gemacht?“

Elser wurde am nächsten Tag zurück nach München gebracht. Nach Verhören, Gegenüberstellungen und Folter gestand er in der Nacht vom 13. auf den 14. November 1939 den Anschlag. Ein Alleintäter ohne ausländische Hintermänner war jedoch für die nationalsozialistische Propaganda unbrauchbar.

„Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Himmler, dem der Bericht, rot eingebunden, vorgelegt wurde, habe zornig mit der Randnotiz reagiert ‚Welcher Idiot hat diesen Bericht gemacht?‘“

Trotz seines Geständnisses wurde der Schutzhäftling Georg Elser nach Berlin deportiert, weiter verhört und gefoltert, ehe er Anfang 1940 in das Konzentrationslager Sachsenhausen kam. Benz präzisiert:

„Zu keiner Zeit haben sich rechtsstaatliche Instanzen der Gerichtsbarkeit mit dem Bürgerbräu-Attentat und seinem Urheber beschäftigt. Mit der Absicht, nach dem ‚Endsieg‘ einen Schauprozess zu inszenieren, verband Hitlers Macht- und Propaganda-Apparat keineswegs das Bestreben, die Tat objektiv aufzuklären.“

Elser galt in Sachsenhausen als „persönlicher Gefangener des Führers“ und war im Zellenbau isoliert. Als Anfang 1945 die Alliierten heranrückten, wurde Georg Elser in das KZ Dachau, nordwestlich von München, verlegt.

Martin Niemöllers falsche Behauptungen

Dort und in Sachsenhausen entstanden Gerüchte, die nach dem Krieg in der Öffentlichkeit verbreitetet wurden: Demnach soll Elser ein SS-Mann und das Attentat inszeniert gewesen sein, um in Ungnade gefallene NSDAP-Mitglieder ausschalten zu können. Vor allem der evangelische Pfarrer Martin Niemöller, zur selben Zeit wie Elser in Sachsenhausen und Dachau interniert, vertrat diese These. Wolfgang Benz betont, dass der nach dem Krieg viel gehörte Niemöller für seine Behauptungen nie einen Beweis liefern konnte.

„Seine Überzeugung, dass Georg Elser ein gedungenes Subjekt, dass er ein SS-Mann gewesen sei, gründete sich nur auf Lagerklatsch, galt aber aufgrund der Autorität des Mannes der Bekennenden Kirche im Widerstand und seiner herausragenden Position in der Nachkriegszeit als verbürgt.“

Als die Alliierten auch im Süden vorrückten, wurde das Konzentrationslager Dachau von den Nationalsozialisten geräumt. Die Häftlinge wurden auf Todesmärsche geschickt, die „Ehrenhäftlinge“ am 27. April 1945 Richtung Süden verbracht.

„Georg Elser wurde nicht mit den Sonderhäftlingen auf die Reise geschickt, und er ging nicht auf dem Todesmarsch zugrunde. Er gehörte zur höchsten Prominenz, zu den gefährlichsten Feinden des Regimes, die der stürzende Diktator mit in den Abgrund reißen wollte.“

Bereits am 9. April war der SS-Obersturmführer Wilhelm Gogalla im KZ Dachau eingetroffen. Er führte das Todesurteil gegen Georg Elser mit sich. Noch am Abend des 9. April wurde Johann Georg Elser aus seiner Zelle geholt und vor das Krematorium gebracht. Dort tötete ihn der SS-Oberscharführer Theodor Heinrich Bongartz mit einem Genickschuss.

Wolfgang Benz überlässt es dem Leser, sich mit der Ethik des Tyrannenmordes auseinanderzusetzen — denn auch der Tyrannenmord ist Mord, ist eine Eskalation der Gewalt.

Im Falle von Georg Elsers Tat kommt hinzu, dass unter den acht Todesopfern des Anschlags nicht nur Nationalsozialisten waren, sondern mit der 30-jährigen Aushilfskellnerin Maria Henle auch eine Unbeteiligte. Sie hinterließ einen Mann und zwei Kinder. Unter den Verletzten und Schwerverletzten waren ebenfalls Personen, die der NSDAP fernstanden. Was macht das mit Georg Elsers Tat? Das muss jeder für sich beantworten. Und das ist gut so, wie das gesamte Buch.


Wolfgang Benz: „Allein gegen Hitler. Leben und Tat des Johann Georg Elser


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