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Die Wiederbeheimatung im Kosmos

Die Wiederbeheimatung im Kosmos

Der Philosoph Jochen Kirchhoff, der im Alter von 81 Jahren starb, beschrieb ein belebtes Universum als Gegenentwurf zur transhumanistischen Megamaschine.

Damals war Jochen Kirchhoff noch gut bei Gesundheit und zu Fuß. Als ich ihn im August 2024 anlässlich seines 80. Geburtstags in Berlin besuchte, fuhren wir zu einer dem Maler Max Liebermann gewidmeten kleinen Galerie am Wannsee. Das Wetter war herrlich, der blumengeschmückte Garten, der funkelnde See, köstlicher Kuchen auf der Café-Terrasse luden ein. Dazu weit ausgreifende Gespräche mit seiner Frau Ulrike Kirchhof und ihm. Der Tag bildete eine überaus gelungene Komposition aus Kunst, Natur und Geist. Wir sprachen auch über deutsche Geschichte. Denn Jochen war ein Ur-Westberliner. Wie viele Phasen der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte er durchlaufen — die Zweiteilung Deutschlands mit Berlin als Frontstadt, die Euphorie der Wiedervereinigung, Ernüchterung, Ausverkauf, Multikulti, Regierungen, die kamen und wieder gingen ...

Dort, nicht weit vom Seeufer entfernt, so erzählte er, hatte man noch im Sommer 1989 befürchten müssen, von DDR-Grenzern aufgehalten zu werden, wenn man zu weit hinausschwamm. Die Freiheit ist nie selbstverständlich — einer mit Jochen Kirchhoffs Biografie wusste das. So waren es auch verstörende Eingriffe in die Freiheit, die aus dem sonst eher zeitloser Erkenntnis zugewandten Universalgelehrten einen spät berufenen Kommentator des tagespolitischen Geschehens machten. Die Corona-Maßnahmen ab 2020 gingen ihm schon bald gegen den Strich. Sie rührten bei ihm an etwas Grundsätzliches, da sie Ausdruck eines zutiefst materiellen Weltbilds waren. Anstatt den Menschen in seiner Würde und Ganzheit zu sehen, ging es im öffentlichen Diskurs der maßnahmenverliebten Politiker bald nur noch darum, als winzige Kügelchen imaginierte Viren durch ungeeignete Masken am Eindringen in den menschlichen Körper zu hindern. Der Preis waren Freiheitsentzug für alle Bürger und massive Ungeimpften-Diskriminierung.

Ein spätberufener politischer Dissident

Kirchhoff war nicht durch eine typische „68er“-Biografie auf seine ihm aufgezwungene Rolle als Dissident vorbereitet worden. Er lehrte, reiste und schrieb, sammelte Erkenntnis um Erkenntnis. Eher war es eine erlernte Grundhaltung des begründeten Zweifels — die Gewohnheit, auch solche Prämissen zu hinterfragen, die allgemein als unantastbar gelten — was ihn in Konflikt mit dem in politische Repression mündenden Zeitgeist brachte.

Wer selbst das Dogma des Urknalls als Ursprung des Universums mit guten Gründen in Frage zu stellen verstand, würde sich von den Verlautbarungen mittelmäßig begabter Politiker nicht beeindrucken lassen.

„Erst Corona hat mich dann erneut und sozusagen grundsätzlich politisiert“, schrieb er in seinem Artikel „Der Corona-Blues“ für das Manova-Vorgängermagazin Rubikon.

„Mir war klar, dass es jetzt […] darum ging, klar Farbe zu bekennen, zu begreifen, was hier eigentlich läuft, und daraus auch ganz konkrete, sich im Handeln niederschlagende Schlüsse zu ziehen, was auch geschah. Und dies naturgemäß im Rahmen meiner philosophischen Aktivitäten und Forschungen. Ich fühlte mich als Philosoph sozusagen in die Pflicht genommen.“

Beim Corona-Ereignis flossen politischer und wissenschaftlicher Konformismus zusammen und bildeten ein toxisches Gemisch — mit dem Ergebnis geistiger und physischer Gefangennahme einer ganzen Gesellschaft.

Unheilige Allianz von Macht und Materialismus

„Der Kotau — nicht nur der Intellektuellen — vor den Naturwissenschaften und der Mathematik war mir seit vielen Jahren vertraut. Verblüffend und auch neu war für mich nur, dass diese Wissenschaftshörigkeit nun eins zu eins ins politische Handeln rückte und das Schicksal von Millionen von Menschen bestimmte.“

An dieser Stelle schlägt Kirchhoff den Bogen zur philosophischen Tiefenströmung der Epoche.

„Und hier meine ich nicht nur die politische Vereinnahmung der Wissenschaft, also ihre Manipulation im Dienst der Mächtigen — die trat offen genug zutage —, sondern diese Wissenschaft selbst als abstraktes Erkenntnisprinzip, welches im Grundansatz Leben und Bewusstsein ausklammerte und damit die Vorstellung beziehungsweise Illusion eines toten und sinnlosen Weltalls zementierte. Ich empfand es als einen Feldzug gegen das Genuin-Menschliche und Lebendige zugunsten von dämonischen und tötenden Prinzipien.“

Hier schließt sich die Fragen an, warum sich die Gesellschaft diesen Akt der Geiselnahme gefallen ließ.

„Warum, so grübelte ich, lassen die Menschen das mit sich machen? […] Weil sie es akzeptieren, für richtig halten, oder weil sie dazu gezwungen werden, egal wie sie dazu stehen? Die Angst vor dem Virus, dies begriff ich zunehmend, geriet zur Urangst vor dem Tod überhaupt. Corona war der Tod selbst.“

Eine rundum lebendige Welt

Was viele als Zivilisationsbruch empfanden, „war aber bei Licht gesehen ‚nur‘ die logische Weiterführung und Steigerung von Tendenzen, die seit langem schon unterwegs waren. Schon vorher war deutlich, dass die so oft beschworenen kulturellen und zivilisatorischen Werte einer echten Belastungsprobe nicht würden standhalten können. Ich habe schon vor Jahrzehnten den Firnis der bürgerlichen Welt für sehr dünn gehalten. Eine kleine Drehung nur, und er würde zerbrechen.“

So erlitt Kirchhoff, was Thomas Mann die „Trauer über die Abwendung der Epoche vom Humanen“ nannte. Das Vernunftwidrige und das Inhumane bewirkten zusammen eine selbstverschuldete Regression in die Unmündigkeit — um einen Ausspruch von Immanuel Kant abzuwandeln.

„Vernunft zählt in der Krise wenig. Wissenschaft wird von den Herrschenden wie eine Monstranz hochgehalten, während faktisch quasi-religiöse Dogmen das Feld bestimmen, noch dazu sanktioniert durch eine Jasager-Moral, die keine Abweichungen duldet.“

Aber auch das Gegenmittel, den zu findenden Ausweg, nannte Kirchhoff:

„Der erste Schritt, so meine ich, wird und muss darin liegen, zu erkennen, dass wir in einer rundum lebendigen Welt leben, und dass das ‚Du-bist-nicht-gemeint-Universum‘ der monströsen Leere und Sinnlosigkeit eine Illusion darstellt, die uns ruiniert.“

Was sollte man von einer Wissenschaft halten, die, im Staatsauftrag und finanziell von der Wirtschaft abhängig, neue Dogmen hervorbringt und gegenüber diesen von wissenschaftlichen Laien Glaubensgehorsam fordert, die Ketzer verbal verbrennt und sich selbst zum Fetisch aufschwingt? Im Grunde war dies keine Wissenschaft mehr, eher ein ideologisches Glaubenssystem, das politischer und ökonomischer Macht als klug tönender Gedankenüberbau dient.

Der Archetyp das Weisen

Zum ersten Mal nahm ich Jochen Kirchhoff 2010 als wissenschaftlichen Experten in Rüdiger Sünners Dokumentarfilm „Das kreative Universum“ wahr. Wer hier zu Wort kam, musste den Bogen zwischen Physik und Spiritualität schlagen und hinter der scheinbar vertrauten Oberflächenwelt das unauslotbare Geheimnis aufspüren können, das uns alle hervorgebracht hat. Dieses fachübergreifende Denken, bei dem sich viele andere aus Überforderung unbehaglich fühlen, war quasi Kirchhoffs Komfortzone.

Er glänzte in der ihm eigenen Art — quasi den Archetyp des Weisen repräsentierend, der zugleich Wärme und Zugewandtheit ausstrahlte und damit sicher das Bedürfnis vieler nach einer geistigen Vaterfigur erfüllte.

Es sollte 10 Jahre dauern, bis ich Jochen Kirchhoff — auf dem Bildschirm — wiedersah: in einem seiner viel beachteten Interviews mit Gunnar Kaiser, in denen beide Denker die Corona-Krise philosophisch, psychologisch und auch politisch durchleuchteten. Diese Gespräche waren für mich, politisch angeschlagen, wie ich damals war, immens wichtig — zeigten sie mir doch, dass Kritik an dem, was uns der Mainstream vorsetzte, nicht einfach eine politische Dummheit war, dass sie vielmehr auf hohem Niveau formuliert werden konnte — die Parolensprache, die bei Befürwortern wie manchmal auch Gegnern der Maßnahmenpolitik gängig war, weit übersteigend.

Kluge Analysen über „alles“

Nach dem zweiten virtuellen Kennenlernen mithilfe Gunnar Kaisers begannen wir, uns zu schreiben. Jochen Kirchhoff veröffentlichte Texte auf Rubikon, später Manova. Unsere Briefe gingen über das „unbedingt Notwendige“ bald hinaus und zeugten von der Freude am geistigen Austausch. Es kam zu einer ersten Begegnung auf einem Manova-Autorentreffen, an dem auch Jochens Frau, Ulrike Kirchhoff, teilnahm. Bald darauf führten wir regelmäßige Telefonate. Meist leitete Jochen einen Anruf mit den Worten: „Ich wollte mal wieder plaudern“ ein. Was eine Untertreibung darstellte, denn die Gespräche dauerten lange, gingen tief und handelten buchstäblich von Gott und der Welt. Dass dies jetzt nicht mehr möglich ist, macht den größeren Teil meiner Trauer aus. Auf Video bewundern kann man den Philosophen ja nach wir vor — auf einer kaum zu bewältigenden Fülle an Vorträgen und Interviews.

Jochens Bildung war so umfassend, dass ich oft bezweifelte, ein adäquater Gesprächspartner zu sein. Im Gegensatz zu meinem „nur“ geisteswissenschaftlichen Interesse, das zum Beispiel Psychologie, Philosophie, Politik, Literatur und Musik umfasste, konnte Jochen auch bei naturwissenschaftlichen Debatten auf hohem Niveau mitreden. Seine offenbar unstillbare Neugier „eroberte“ immer neue Fachgebiete. Er schrieb ein Buch über „Hitler, Nietzsche und die Deutschen“ wie auch Abhandlungen über Kosmologie, hielt Vorträge über Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, über Gravitation, über die Seele der Pflanzen, über altgriechische Gottheiten wie über den Alptraum der Corona-Politik. Schneller würde ich mit meiner Aufzählung fertig werden, wenn ich darüber schriebe, worüber Jochen Kirchhoff nicht nachdachte.

Eine Welt voller Rätsel

Kluge Menschen halten sich meist etwas auf ihren Verstand zugute, sehr kluge sehen auch die Grenzen von dessen Zuständigkeitsbereich. So fragte Jochen Kirchhoff im Manova-Artikel „Der neu gefundene Glanz der Dinge“: „Ist die Welt in Gänze rational erkennbar oder auch nur zuverlässig beschreibbar?“ Und die selbst gegebene Antwort: „So leben wir in einem unfassbaren System von Mysterien und Rätseln, das den so kühn voranschreitenden Intellekt in den Abgrund des Nicht-Wissens reißt.“

Ganz praktisch machte sich diese Haltung bei dem Menschen Jochen Kirchhoff dadurch bemerkbar, dass er nie abgeklärt im Sinne von abgestumpft wirkte. Er blieb stets — auch im Gespräch — neugierig, ein Suchender. Freundliche Zugewandtheit, ja Munterkeit kennzeichneten ihn im persönlichen Austausch.

Selbstverständlich machte er deutlich, wenn er mit einer Aussage nicht einverstanden war, blieb aber offen für das Anderssein des Anderen.

Der begründete Zweifel war für ihn das sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch Gebotene. „Wir sind selbst ein Mysterium“, schrieb er im eben erwähnten Artikel.

„Wissenschaftlich ist da nichts zu holen, was wirklich substanziell ist, nur aus einer anderen Tiefe heraus, die das eigene Bewusstsein mit dem kosmischen Bewusstsein verschmilzt und verschränkt, wäre es möglich.“

Die Weitung des Bewusstseins bis zu dem Punkt, an dem es anschlussfähig wird an die großen, kosmischen Strömungen — man kann das auch mit einem altmodischen Begriff „mystisch“ nennen.

Mitakteure des lebendigen Kosmos

„Wir sind lebendig als integrale Teile und ‚Mit-Akteure‘ des lebendigen Kosmos, der uns nie entlässt, sondern immer umschließt, hält, durchströmt, durchatmet und durchklingt. Wir sind in der letzten Tiefe kosmische (geistig-kosmische) Wesen, die nur hierin ihre menschliche Würde gewinnen können. Die Kümmerform des Menschen, die uns gewöhnlich serviert wird, noch dazu im Bezugssystem einer durch und durch nihilistischen Geistigkeit, ist absurd und desaströs. Wenn der Mensch sich darin erschöpfte, wären wir auf ewig eingesperrt in eine unentrinnbare Farce oder Posse. In das Irrenhaus einer sinnlosen, freudlosen und im Grunde dämonischen Welt. Diese Welt gibt es nicht, hat es nie gegeben, wird es nie geben.“

So beunruhigend das Denken Jochen Kirchhoffs manchmal wirkte — in seiner Tiefe hatte es immer auch etwas Tröstliches. Er vermittelt eine quasi kosmisch begründete Vorstellung von Menschenwürde, die in die politische Sphäre hineinragt.

Der Mensch, der sich als entkernt, als nicht geliebt, als nicht gemeint empfindet, der in der Peripherie eines monströsen leeren Raums verloren ist, wird wenig Selbstwertgefühl entwickeln können, ist somit auch für Machtkartelle leichter zu verunsichern und zu instrumentalisieren. Der „kosmische Anthropos“ — das Urbild des spirituell verbundenen Menschen — wird nicht zur Selbstentwertung und auch nicht zum destruktiven „Kampf gegen“ neigen.

Der giftige Atem der Wahnideen

„Alles Schöpferisch-Lebendige verdampft, wenn es vom giftigen Atem dieser Wahnideen getroffen wird“, sagt Kirchhoff mit Blick auf das materialistische Weltbild, das in der Ära Christian Drostens einen späten, in seiner Wirkung höchst zerstörerischen Triumph feierte.

„In weitgehend naivem Realismus — ‚Was ich sehe, ist wahr‘ — haben sie eine künstliche Welt aufgebaut und technisch perfektioniert, die jedweden Zaubers entbehrt, die öde und leer ist, trostlos und trügerisch. Umgürtet vom Tod, der überall lauert. Die Coronajahre haben die Todesangst zum Äußersten getrieben. Die Coronaregime waren unermüdlich dabei, diese Angst zu füttern und politisch zu missbrauchen.“

Wie kann man sich gegen diese Übermacht geistig wehren, sich zumindest nicht zermalmen und assimilieren lassen?

„Nur seelisch-geistig und im tiefsten Wortsinn leiblich ist diese Welt zu erschließen. Dann würden wir begreifen, dass wir als lebendige Wesen aus einer rundum lebendigen Welt hervorgegangen und von dieser auch in jeder Sekunde abhängig sind. Eine Welt ohne Leben und Bewusstsein ist ein Wahn. Und die herrschende Naturwissenschaft dient diesem Wahn. Auch der Transhumanismus zehrt von dieser Angst. Wir sind immer die ins All Blickenden: Dass wir unsererseits auch Angeblickte sind oder sein können, wird rigoros verneint.“

Intellektuelles und menschliches Nicht-Versagen

Kirchhoff wagte alles zu hinterfragen — auch auf einem Gebiet, das felsenfest im Faktischen gegründet schien: dem der Wissenschaft. Ein Beispiel für kühnes Denken ist seine These, den Urknall habe es gar nicht gegeben — ein Tabubruch innerhalb einer weitgehend gleichgerichteten wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Die Mathematisierung der Physik, die Dominanz der Quantität in der Wissenschaft, störte ihn. In einer fast an Laotse erinnernden Sprachwendung schrieb er: „Wer denkt, rechnet nicht, und wer rechnet, denkt nicht.“ Seine Frontstellung gegen die „kalte Wissenschaft“ und die These vom toten Universum wurzelt auch in liebevoll von ihm erschlossener geisteswissenschaftlicher Bildung. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figure sind Schlüssel aller Kreaturen“, dann, so Novalis, ein Dichter der Goethezeit, „fliegt das ganze verkehrte Wesen fort.“ Der Materialismus, der schon Anfang des 19. Jahrhunderts sein Unwesen trieb, ist in unserem Jahrhundert noch stärker und bedrängender geworden — bis hin zur Leugnung der Seele und des Lebens als einem von grobstofflicher Materie unabhängigem Phänomen.

Jochen Kirchhoff brachte Spiritualität in die Wissenschaft, zumal man einem so präzisen, wohlinformierten Denker wie ihm nicht ernstlich verschwommene Esoterikneigung vorwerfen konnte. Und er brachte die Wissenschaft in das politische Milieu, wo sonst oft Politikerbeschimpfung und ein ziel- und wurzelloses Sich-Treiben-Lassen vom Wind der Tagesaktualität vorherrschte.

Kirchhoffs Verhalten in der Corona-Zeit gibt ein Beispiel für intellektuelles und menschliches Nicht-Versagen, dessen Wert sich auch daran bemisst, wie selten Dergleichen Künstlern und Denkern in jenen Jahren gelang.

Jochen Kirchhoff als Deutscher

Als Westberliner hatte Jochen Kirchhoff „sein“ Deutschland über Jahrzehnte wirklich erlebt und erlitten. Sein Geist war weit ausgreifend und somit übernational, sein Beeindruckt-Sein von den Licht- und Schattenseiten der deutschen Geschichte jedoch prägte ihn. Der Inkarnationsstandort Deutschland war keine bloße Randnotiz. Jochen Kirchhoff teilte den oft mit „rechten“ Weltanschauungen in Verbindung gebrachten Wunsch, den deutschen Geist von seiner einseitigen Identifizierung mit Hitler zu befreien, indem er auf ältere, durchaus achtenswerte Wurzeln zurückgriff. Wobei er die Bedeutung der Nazi-Ära andererseits auch nicht kleinreden wollte und sie in einem Buch über Hitler und Nietzsche analysierte.

Im Zentrum stand für ihn sicher die Goethezeit, in der sich Aufklärung, Klassik, Romantik und „Deutscher Idealismus“ bündelten. Auch musikalisch galt sein Hauptinteresse der Epoche von Ludwig von Beethoven und Franz Schubert. Unter „Idealismus“ verstand er nicht etwa die Tatsache, dass deutsche Philosophen Ideale hatten — vielmehr ging es ihm um den Grundsatz, dass das Bewusstsein, nicht das materielle Sein der grundlegende Faktor im Universum sei. Marxisten müssen jetzt bitte weghören. Kirchhoff, der auch Biograf des schwierigen und wenig gelesenen Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling war, vertrat das Konzept einer Weltseele, die in allem, was existiert, wirksam ist und sich in alles verzweigt, die alles belebt und zu der alles am Ende zurückkehrt.

Auf den Schultern der klassischen Bildung

Das klingt nach einer Definition von Gott und hat sicher auch mit diesem zu tun. Nur dass Jochen Kirchhoff jeder Dogmatismus und jede ritualisierte Banalität des Sprechens über Metaphysisches fremd war. Seine Sprache in religiösen Angelegenheiten wirkte stets frisch, neue Erkenntnisse waren begleitet von neuen sprachlichen Ausdrucksformen, ohne dass der Autor Schwerverständlichkeit zum Selbstzweck erhob. In einer Zeit des Bildungsverfalls scheint der Einfluss großer Denker und Künstler zu verblassen, wie die Wellen, die ein ins Wasser geworfener Stein verursacht, immer kleiner werden, bis am Ende gar nichts mehr sichtbar sind. Wen interessieren heute noch Schelling, Goethe und Beethoven? Und wer sollte diesen Geistesgrößen im kulturell absackenden Deutschland nachfolgen?

Zumindest auf dem Gebiet der Philosophie gelang Kirchhoff die Auffrischung. Er trat quasi als Neo-Idealist auf die Bühne des Geisteslebens, erreichte sicher zu Lebzeiten nicht den Ruhm der Klassik, trug jedoch — gleichsam als Hüter des Feuers — den Funken weiter und machte ein Angebot zur Wiederentdeckung geistiger Schätze der Vergangenheit.

Mit seiner spät im Leben erfolgten Einmischung in tagespolitische Fragen, machte er zugleich die Relevanz von Philosophie für die Gegenwart deutlich, verwertete diese als Überbau für politische Dissidenz, anstatt sie in den Bereichen musealer Irrelevanz zu deponieren.

Wer die tiefen Dinge wirklich verstanden hat, kann sich oft auch an der Oberfläche des gesellschaftlichen Geschehens trittsicher bewegen, Fallen vermeiden, Manipulationsversuche abwehren, Wege finden und aufzeigen.

Reise in die „Anderswelt“

Der Tod hat Jochen Kirchhoff die Möglichkeit genommen, uns ganz Neues zu geben — wir können uns aber von dem bisher vom ihm Geschaffenen weiterhin etwas nehmen, wie von einem sehr reich gedeckten geistigen Buffet. Wer ihn persönlich kannte, hat die Möglichkeit, sich die Bilder geteilter Zeit noch einmal vor Augen zu rufen. Ich erinnere mich besonders lebhaft an die Teilnahme an den Feierlichkeiten zu Jochens 80. Geburtstag. Er schien damals noch gesundheitlich gut auf dem Damm zu sein, hielt eine Festtagsrede, aufrechtstehend in einem Hinterhoflokal in Potsdam, führte mit wachem Blick und blitzendem Verstand Tischgespräche. Jemand spielte Klavier. Gäste umringten ihn und würdigten seine Verdienste.

Es waren von diesem Moment an nicht mehr viele Monate, die Jochen bei relativ guter Gesundheit verbringen konnte. Wie Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ wurde er vom Fest abberufen — allerdings nicht wegen moralischer Verfehlungen, sondern weil uns ewiges Leben in der gleichen physischen Existenzform nun einmal nicht gegeben ist. Jochen Kirchhoff starb nach einem Zusammenbruch Ende 2024 nicht sofort, sondern in einem Prozess allmählichen Nachlassens seiner Kräfte. Wem an ihm gelegen war, der konnte sich auf den Moment seines Todes allmählich einstellen. Verschiedene Beschwerden häuften sich, bis er am Ende seine Wohnung im 1. Stockwerk einer alten Zehlendorfer Villa nicht mehr verlassen konnte. Seine Frau Ulrike war bis zum Schluss für ihn da. Telefonate waren ab einem bestimmten Punkt nur noch eingeschränkt, später überhaupt nicht mehr möglich. Sein Geist jedoch soll bis zum Ende klar gewesen sein, seinem Tod begegneter er gefasst.

Wo und wer er jetzt auch immer sein mag — es ist gut möglich, dass er diese Region des bewussten Universums in Büchern wie „Anderswelt“, in Träumen und Visionen und in gedanklichem Höhenflug schon besucht hat und sich rasch wieder dort zuhause fühlen wird. Als ein „gemeintes“ und für das Ganze unbedingt bereicherndes Kind der ewig sich entfaltenden Schöpfung.


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