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Geistliche Wokeness

Geistliche Wokeness

Dass die Zerstörung der römisch-katholischen Kirche aus ihr selbst heraus stattfinden würde, hätten wohl die hartnäckigsten Atheisten nicht für möglich gehalten.

Katholische Christmette 2025, ausgestrahlt im Programm der ARD: Aus der Kirche St. Maria in Stuttgart. Der Pfarrer präsentiert eine Krippe — besser gesagt, die ihm zur Seite gestellte Pastoralreferentin übernimmt das. In der Krippe erblicken die Zuschauer nicht etwa eine Holzfigur des Jesuskindes, auch keine Puppe aus anderem Material oder vielleicht sogar ein echtes Kindchen — nein, darin windet sich ein erwachsener Mann, der allerdings nicht erkennbar ist, weil er mit Schleim, Käseschmiere oder einer anderen weißen Substanz eingehüllt ist. Für einen Augenblick lang glaubt der Betrachter, er würde einen Ausschnitt aus einem Alien-Film sehen — und vor ihm zeigt sich die Brutstätte dieser außerirdischen Lebensform, die in dem Blockbuster als Ort voll sämigen Gelees vorgestellt wird. Aber nein – es ist eine Szene aus einer Kirche des Jahres 2025 in Deutschland.

Eine katholische Kirche in diesem Falle. In Stuttgart — chic gemacht für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Vielleicht will man das sich windende Monstrum in der Krippe dem Regisseur in die Schuhe schieben? Oder dem Pfarrer, der was ausprobieren wollte? Unter Umständen hat die Pastoralreferentin, das weibliche Gesicht jener Christmette, ja damit zu tun? Wesentlich ist diese Frage allerdings nicht, denn die Kreatur, die statt eines Jesuskindes dort im Stroh lümmelte, ist ein Sinnbild für den Zustand des amtlichen Katholizismus hierzulande. Er wanzt sich seit jetzt schon vielen Jahren an den Zeitgeist an – zuletzt tat er das recht eifrig.

Deutsche Bischöfe: ziemlich evangelisch

Das Bestreben der Deutschen Bischofskonferenz, der römischen Mutterkirche mehr Synodalität abzuringen, scheint fast so, als wollten die obersten Hirten deutscher Bistümer zunehmend die evangelische Kirche von links überholen — die gilt bereits in den Augen vieler Menschen im Lande, auch vieler, die ausgetreten sind aus ihrer Kirche, als kirchlicher Flügel der Grünen und damit als eine sonderbare Erscheinungsform einer Nichtregierungsorganisation — was sie freilich ungefähr so sehr ist, wie alle anderen sogenannten Einrichtungen dieses Namens, die von öffentlichen Geldern bei bester Gesundheit gehalten werden.

Evangelische Kirchentage strotzen nur so von woken Parolen —„Gott ist queer”: So predigte ein Pastor vor einiger Zeit. Die Kirchenoberen selbst hielten sich ziemlich bedeckt, lediglich der Anhaltinische Kirchenpräsident hielt dagegen, denn Gott sei alles und ließe sich nicht auf so banale Art und Weise einschränken.

Sonderbare Performances, wie man heute kuriose Auftritte nennt, haben Gotteshäuser schon vorher erlebt. Im Juni 2025 traten einige Aktionskünstler im Rahmen der Veranstaltung „1.250 Jahre Westfalen” im Paderborner Dom auf. Vor versammelter politischer Führung — Frank-Walter Steinmeier saß auch im Publikum — tanzten sie mit aufgetauten Brathähnchen, die wiederum in Windeln gehüllt waren, gar sonderbar vor dem Altar hin und her. Die Zuschauer applaudierten brav — niemand stieß sich an der Geschmacklosigkeit. Noch nicht mal die katholische Kirche — einige Katholiken erstatteten jedoch Anzeige, auch um die Amtskirche wachzurütteln.

In Deutschland wird sie von den katholischen Bischöfen geführt — und die basteln nun seit Jahren am sogenannten „synodalen Weg”. 2018 ging man beschwingt ans Werk, der damalige Bischof von Rom, Franziskus, ermutigte die Brüder und Schwestern in Deutschland dazu, Reformen anzuschieben — was die leider wiederum überlesen haben: Franziskus mahnte sie auch, dass diese anzustoßenden Reformen keine Anpassung an den Zeitgeist sein dürften.

Papst Franziskus ging es um strukturelle Fragen, die an die Zeit adaptiert werden müssten. Die Reformer in Deutschland malten sich jedoch aus, dass sie die Themen zum Gegenstand einer neuen katholischen Ausrichtung machen könnten, die auch im Mainstream Anklang und politische wie journalistische Unterstützung fanden.

Der im letzten Jahr verstorbene Papst meinte mal sinngemäß, dass es in Deutschland schon eine evangelische Kirche gäbe — warum sollte man noch eine schaffen wollen? Diese Deutschen machten ihm und seiner Kirche große Sorgen.

Synodalität unterm Regenbogen

Die Vertreter der evangelischen Kirche waren sicherlich schon immer viel profaner eingestellt. Was wie Bürgernähe und Alltagsvertrautheit klingt, schlug aber irgendwann um in eine hemmungslose Anbiederung an Politik und Zeitgeist. Dabei sei an die Zeit erinnert, da Wolfgang Huber Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war. Damals wanzte sich die evangelische Kirche ungeheuerlich an die herrschende Ökonomie heran, die das Klima im Lande maßgeblich prägte. Es ging um Flexibilisierung, Privatisierung und Liberalisierung — der alte Sozialstaat wurde aufgeweicht, Hartz IV war in aller Munde: Und die evangelische Kirche stand den sozialdemokratischen Reformern zur Seite und fand wenig Worte für jene, die betroffen waren vom neuen Kurs der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Lande. Die EKD gab sich neoliberal — weil der Zeitgeist neoliberal war.

Die Vertreter der katholischen Kirche haben in jenen Jahren sicher nicht mit lauter Kritik gestrotzt — aber angepasst an die Umstände haben sie sich auch nicht. Sie wirkten seltsam entrückt, Tagespolitik galt den Geistlichen als Graus. Die Kirche kümmerte sich um ewige Wahrheiten und Werte, die aus der Zeit gefallen schienen — und vermutlich waren sie das tatsächlich. Erst im Laufe der letzten Jahre entstand im katholischen Deutschland ein Drang, der mit der Aktualität Schritt halten möchte. Die katholischen Bischöfe wollten eine Reform der kirchlichen Sexualmoral bewerkstelligen und die Rolle der Frau innerhalb der Kirche verändern — sie thematisierten den Machtmissbrauch innerhalb der Kirche, klangen in ihrer Selbstanklage aber frappierend wie jene Jünger dieser neuen Strömung, die aus den Vereinigten Staaten zu uns kam: Wokeness. Zuletzt positionierten sich die Bischöfe auch gegen die AfD. Dass auf dem Stroh bei der Christmette in Stuttgart ein gelierter Alien lag, kann natürlich ein Akt der Kunst sein – oder aber einer anderen Überlegung geschuldet sein: Legt man ein weißes Kindchen hinein, rufen sicher etliche, dass das Rassismus sei. Entscheidet man sich für ein dunkelhäutiges Baby, kommt die Aufregung von der anderen Seite. Die Inszenierung hat die Gemüter erregt, eben weil die Zuschauer spürten, wie die Kirche an dieser Stelle mit dem Zeitgeist poussierte.

Befürworter dieses synodalen Kurses glauben, so die Kirche für die Zukunft rüsten zu können — die Gegner sehen es jedoch anders: Eine solche Kirche habe in deren Augen gar keine Zukunft mehr, denn sie verliere sich im Chaos der zeitgenössischen Welt, mit all ihrer Schnelllebigkeit und ihren Banalitäten. Die Kirche sollte das große Ganze im Blick haben, in langen Linien handeln und denken und nicht der Mode des Augenblickes nacheifern.

Wer die Regenbogen-Fahne an den Kirchturm hängt, politisiere die Kirche in einer spalterischen Art und Weise. Die Stoßrichtung der Bischöfe — eine kleine Minderheit, die als konservativ gilt, hält gegen den Liberalisierungskurs — kommt gut in der Presse an. Man berichtet gerne von geläuterten Katholiken, die nun in der Gegenwart ankommen wollen. Nachdem im Mai 2025 weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle strömte, sammelte beispielsweise das ZDF auf dem Petersplatz Stimmen deutscher Pilger, die gespannt auf den neuen Mann warteten. Alle, die es vor die Kamera schafften, wollten offenbar einen Papst, der den Kurs der Bischöfe in Deutschland unterstützt. War das Zufall? Oder Ergebnis einer Vorauswahl? Als dann Robert Francis Prevost, der nun Leo XIV. hieß, auf der Benediktionsloggia des Petersdoms auch noch von Synodalität sprach, waren deutsche Berichterstatter vor Entzückung schier aus dem Häuschen.

Deutsch-katholische Kirche: Kommt das Schisma?

Dabei meinte der neue Papst aber im Wesentlichen das, was sein Amtsvorgänger schon anstrebte: strukturelle Neugestaltung — aber keine Abstriche in wesentlichen Fragen des Glaubens. Denn darum geht es letztlich: Die Bestrebungen der deutschen Bischöfe unterminieren die Glaubensinhalte der katholischen Kirche — ja, sie machen sie gewissermaßen obsolet. Die Frage der Sexualmoral, die der deutsche Klerus für so wichtig empfindet, entkernt den katholischen Familienbezug. Als die deutschen Medien verstanden, dass Leo XIV. doch nicht die große Reformergestalt war, für die sie ihn bei seiner Papstwahl hielten, zeigten sie sich enttäuscht. Die Bischöfe — so scheint es wenigstens — haben seither ihren Kurs eher verfestigt. Sie dürften jedoch nicht vom amtierenden Papst enttäuscht worden sein, denn sie verstanden seine Auffassung von Synodalität wohl von Anfang an recht gut. Prevost mag bezüglich des Klimawandels jene Positionen vertreten, wonach wir auf eine Endzeit zusteuern, aber in allen anderen Fragen bleibt er ein konservativer Vertreter des katholischen Glaubens.

Die Weltkirche selbst mag zwar noch bei der Frage nach dem Machtmissbrauch innerhalb der Kirche mit den Deutschen mitgehen — aber die Änderung der Sexualmoral, die die Deutschen forcieren, ist ihr gelinde gesagt nicht wichtig genug. Die Bischöfe aus Deutschland wirken auf die Weltkirche mittlerweile wie Exoten. Für einige Beobachter drängt sich nun sogar der Gedanke auf, dass es früher oder später zu einem Schisma, einem Bruch mit Rom, kommen könnte. Eine deutsch-katholische Kirche, angeführt von einem Bischofsrat oder gar dem deutschen Bundespräsidenten — in Anlehnung an die anglikanische Kirche in Großbritannien —, scheint zumindest nicht mehr völlig ausgeschlossen zu sein.

Der deutsche Katholizismus versteht sich zunehmend weniger als Bewahrer von Tradition, Brauchtum und Kultur, sondern hat sich den Umtrieben der Dekonstruktion angeschlossen, die auch andere Institutionen im Lande längst beliebig und auch überflüssig gemacht haben — er steht heute der Meldeportalkultur näher als der Nächstenliebe. Kein Wunder, dass die katholischen Bischöfe im März 2022 sofort Waffenlieferungen in die Ukraine absegneten.

In dieser Republik wird allerlei gegen rechts getan — oder zumindest wird es so choreographiert. Der erste Reflex lässt einen dabei an die AfD denken, der man mittels regierungsnaher Proteste und Demonstrationen Herr werden möchte. Aber natürlich war auch schon die Union mit jenen Protesten gemeint, speziell Anfang 2025, als sie mittels der Stimmen der AfD den Migrationskurs verändern wollte. Im Grunde steckt in diesen Protesten noch eine weitere Komponente: Sie richten sich gegen Wertvorstellungen, die ihren Ursprung im christlichen Weltbild haben. Insofern bedeutet „gegen rechts” auch immer, gegen die Kirche zu sein — auch und vor allem gegen die katholische Kirche. Denn dunkelhäutige Menschen farbenblind zu behandeln, um wenigstens ein Beispiel zu geben, ist gelebte Toleranz, ja Ausdruck von Nächstenliebe — und nicht, wie die Anhänger der Critical Race Theory behaupten, ein rassistischer Anschlag auf die Hautfarbe des Betroffenen.

Eine Kirche, die sich an ihre Zeit anbiedert, braucht niemand in Zeiten wie diesen, in denen sich alles und jeder an die Verrücktheiten der Zeit dranhängt. Übrigens: Die eher in alten Glaubenswerten gefestigte katholische Weltkirche wächst – jene moderne Variante aber, die in Deutschland mit der Zeit geht, wird immer kleiner.


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