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Hofberichterstattung am Limit

Hofberichterstattung am Limit

Eine als beschwingt federnde Außenministerin dargestellte Baerbock und eine Bundesregierung, die als am Limit regierend präsentiert wird: Der Journalismus in Deutschland ist nah dran — zu nah.

Schon die Eingangsszene, das Intro, ist bestürzend: Man sieht Olaf Scholz, wie er in die Ferne schaut, mit seinem Rücken zu den Zuschauern. Dann ziehen in der Ferne Ernstfälle auf, und so heißt das Stück dann auch: „Ernstfall — Regieren am Limit“. Man sieht fallende Bomben, zerschossene Häuserfronten, einen besonders garstigen Wladimir Putin.

Die Einstellung changiert zwischen Mythos und Realpolitik, zwischen Hoffnung auf einen Heiland und Mitleid für diesen armen Kahlkopfkanzler, den es jetzt ganz dicke erwischt. Er wollte doch nur brav regieren, und nun das! Den Beginn eines Krieges: Das hat dieser Olaf Scholz einfach nicht verdient — aber er packt das, wird simuliert, selbstverständlich gerät er dabei an sein Limit. Dennoch: Seine Regierung hat alles im Griff.

Ein Flieger voller Auftragsschreiber

Souverän wird er ins Bild gerückt: So sitzt der Kanzler zum Beispiel in einem Konferenzraum seines Amtsgebäudes, Hände ineinandergelegt. Er erklärt, dass er Putin noch vor Kriegsbeginn erklärt habe, dass dieser falsch liege, sich von der NATO bedroht zu fühlen. Dass jener Mann, der die Richtlinienkompetenz der Bundesregierung innehat, gar nicht zu begreifen scheint, was es bedeutet, wenn sich „jemand bedroht fühlt“, korrigiert diese Dokumentationssimulation freilich nicht. Wir hören nur Olaf Scholz, wie er die Gefühle anderer — lassen wir es mal auf dieser emotionalen Ebene, lassen wir harte geopolitische Fakten mal außen vor — als Irrtum abtut. Ein deutscher Kanzler scheint stets zu wissen, dass die Gefühle anderer falsch sind.

Dieses eindimensionale Vorgehen verkauft uns Lamby als Diplomatie an der Grenze des Machbaren. Ebenso wie einen Bundeskanzler, der in die Kamera spricht und nochmal darlegt, was Putin möchte: nämlich dass nur noch die Großmächte Politik untereinander ausmachen. Das sei aber mit ihm nicht zu machen, Putins Absichten würden nicht aufgehen. Scholz klingt dabei wie der Anwalt kleiner Nationen. Als ob die Bundesrepublik sich nie über die Interessen und Belange kleinerer Nachbarländer hinwegsetzen würde. Hat er vergessen, wie Berlin „den Euro rettete“? Als Anwalt kleinerer Mitgliedsstaaten der Europäischen Union trat man da nicht auf. Eher als Großmacht, die mit Großmächten ein Spardiktat durchpeitschte.

Kritisches Nachfragen ist in dem Dreiteiler ganz generell nicht vorgesehen; das Gesagte mittels Schnitte oder Einschüben in Relation zu setzen: ebenfalls Fehlanzeige. Lamby scheint zu glauben, dass Bilder, die unkommentiert auf den Zuschauer wirken, ein besonders authentisches Bild abliefern.

Aber Authentizität scheint das Letzte zu sein, was „Regieren am Limit“ anstrebt; die geradezu hagiografische Optik, die gestelzten Statements, die eben nicht aus dem politischen Alltag heraus aufgenommen wurden, sondern die Protagonisten zu einem gesonderten Dreh verpflichteten, unterstreichen, dass es sich um eine Inszenierung handelt.

Was am Limit ist, ist nicht das Regieren, sondern die Wahrheit oder der Realitätsbezug. Die „Doku“ hat mehr von einer Scripted Reality als von einer sachlichen Politbetrachtung. Auch wenn dazwischen immer wieder die Wahrheit durchflackert wie etwa in jenen Szenen, in denen im Regierungsflieger allerlei Journalisten befragt werden. Als sei das ganz normal, dass die so nah an der Macht klebten. Wie soll Lamby das merken? Er ist ja selbst direkt dabei, klebt an den politisch Mächtigen, ist Teil dessen, was Chomsky und Herman vor langer Zeit die „Konsensfabrik“ nannten. So ein Flieger voller Menschen, die sich einen journalistischen Job ergattern konnten, um dann im Auftrag der Regierung recht wohlwollende Berichte zu stanzen: Da könnten sich ja Bedenken einschleichen — muss das so?

Schreiben mit einer Hand

Stephan Lamby setzt den Rezipienten — vermutlich ungewollt — ein Sittenstück über den deutschen Journalismus und seine Nähe zur Politik vor. Regierungskritische Journalisten kommen natürlich nicht zu Wort. Im Regierungsflieger hätte er eh keinen gefunden. Aber auch auf der Straße nicht. Dort fragt er unter anderem Erhard Scherfer von phoenix, der irgendwann in den ersten Wochen des Ukrainekrieges erklärte, dass manche versuchten, „den in den Umfragen beliebten“ Wirtschaftsminister schlechtzureden. Dass diese Rankings eine Simulation sind, ist die eine Seite dieses Irrtums — die andere: Besonders hoch war der Zuspruch bei keinem Regierungsmitglied, nicht mal in dieser Simulationsmatrix. Und das war auch schon vor dem Februar 2022 so.

Den ersten Teil von Lambys Arbeit kann man sich nur schwer ansehen, zu oft kommt die Außenministerin vor, zu häufig hört man ihre krächzende Stimme, die einem recht schnell auf den Geist gehen muss. Nur vielleicht Matthias Koch nicht: Der Chefredakteur des Redaktionsnetzwerkes Deutschland hat seiner Annalena einen Liebesbrief geschrieben und ihn als politischen Kommentar getarnt. In ihren „Schritten (liege) etwas Leichtes, Federndes“, erfahren wir. Sie bringe außerdem, „wo sie geht und steht, nicht nur als Außenministerin, sondern schon als Persönlichkeit eine beeindruckende, über den Tag hinausweisende Botschaft mit: Hier kommt eine dynamische Frau aus Deutschland“.

„Baerbocks Gesprächspartner ahnen: Diese Frau hat, anders als viele andere Politiker, ein Potenzial, das mit dem gegenwärtigen Job noch gar nicht ganz abgerufen wird.“

Koch spekuliert, dass seine Annalena „irgendwann noch mehr Einfluss in Deutschland und Europa gewinnen“ könnte, „in einer hoffentlich bald anbrechenden Zeit“.

Wir haben September 2023 — und wir erleben nun minutiös, wie sich das, was sich in diesem Lande als Journalismus verkaufen will, der Lächerlichkeit preisgibt.

Welchen Qualitätsstandards entspricht eine Eloge wie jene auf die Außenministerin, die quasi mit einer Hand geschrieben wurde? Die andere war wohl eher unter dem Schreibtisch ...

Kann man sich vorstellen, dass solche Sätze anders entstanden sind als durch den Umstand sexueller Erregung? Da schwingt so viel Körperlichkeit mit, man spürt, wie die Spannung knistert zwischen Koch und einer Baerbock, wie sie nur in seinen Vorstellungen existiert. Koch bekam sich gar nicht mehr ein, der Artikel ergießt (!) sich mehrere Absätze lang in diesem Stil.

Nicht nah dran — eingebunden

Wie gesagt, der Verfall des journalistischen Berufes ist in Deutschland kein Gerücht mehr: Man kann ihm täglich dabei zusehen. Immer wieder weist der herrschende Journalismus darauf hin, dass er aus dem Zentrum der Macht heraus berichte, ganz nah dabei sei. Diese Denkweise ist die Grundlage von Stephan Lambys fataler „Dokumentation“.

Unterschlagen wird dabei, dass die Berichterstatter nicht ganz nah dran sind: Nein, sie sind eingebunden, Teil einer Maschinerie, die nicht dazu da ist, um zu berichten, weswegen das Wort „Berichterstatter“ schon grundlegend falsch ist. Sie schaffen Zustimmung und Konsens, dienen der Macht, die sie kontrollieren sollen, quasi als PR.

Nah dran zu sein: Das klingt immer noch nach Abstand. Nähe ist keine Verschmelzung; man nähert sich ja nur bis auf einen gewissen Zwischenraum an.

Was man jetzt jedoch beobachten kann ist, dass der sogenannte Journalismus ganz tief drin ist statt nur in der Nähe. Und zwar im Enddarm der Berliner Republik. Von dieser Finsternis umgeben, scheint es schwierig zu sein, Licht ins Dunkel zu bringen.

Man muss sich mal vorstellen: In diesem Land ging ein Journalist vor Gericht, weil er seiner Arbeit als Journalist nachkommen wollte, ohne dass eine Hochschule dazwischenfunkte und eine Vorort-Recherche als a priori nicht statthaft einschätzte. Hätte Patrik Baab, von dem hier die Rede ist, einen leicht erotischen Kommentar zu Annalena Baerbock, vielleicht auch zu Nancy Faeser geschrieben, hätte er seinen Job zwar nicht nach den Tugenden gemacht, die man eigentlich voraussetzen würde, aber er wäre anerkannt und hätte weitaus weniger Ärger mit diversen Hochschulen.

Baab hat jedoch etwas Schlimmes verbrochen — Journalismus betrieben in einer Zeit, die sich offenbar darauf verständigt hat, das, was wir als Journalismus einst kannten, abzuschaffen und durch etwas zu ersetzen, das in ganz seltenen Momenten so aussieht wie das Berufsethos aus einer anderen Zeit.

Zeitenwende heißt nicht nur, dass Milliarden in Rüstung fließen, sich Politiker auf Kriegsgerät räkeln wie früher mal knapp bekleidete Frauen auf Motorhauben von Ferraris: Nein, auch der Journalismus gerät in eine neue Zeit; schlecht bestellt war es um ihn schon lange.

Aber bei aller Kritik an dieser Zunft, die weder neoliberale Reformen noch die Finanzkrise, weder Zuwanderung noch Corona kritisch begleitete: dass da jemand mit einer Hand getippt hat, weil er die andere zur Stimulierung eines Hochgefühls benötigte — das scheint nun wirklich eine ganz neue Qualität des journalistischen Niedergangs zu sein.


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