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Krieg und Frieden unter Palmen

Krieg und Frieden unter Palmen

Am 13. Oktober 2023 hielt der Historiker Daniele Ganser zum ersten Mal einen Vortrag auf Mallorca, um auch dort über die Komplexität von Kriegsgeschehen aufzuklären.

Auch Historiker schwimmen gern im Meer. Vor allem, wenn sie sich hauptsächlich mit den Gräueltaten der Menschheit beschäftigen. So nahm der Friedensforscher Daniele Ganser die Einladung des normalerweise auf Musikkonzerte mit Weltstars wie Bryan Adams, Nena und Zucchero spezialisierten Veranstalters Roland Michael an, auf der Mittelmeerinsel Mallorca einen Vortrag über den Ukrainekrieg zu halten.

Auch an Traumorten wie diesen interessieren sich Menschen für die Krisengebiete der Erde und das Schicksal der Menschen dort. Die Frage war, ob es genügend sein würden, um den Saal zu füllen. Wobei es sich nicht einmal um einen Saal handelte, sondern um einen kleinen Open-Air-Platz im idyllischen Architektur- und Freiluftmuseum „Pueblo Español“ in Palma mit originalgetreuen Nachbauten von bedeutenden spanischen Gebäuden im Maßstab 1:2, unter anderem die prachtvolle Alhambra von Granada.

Ein Kontrastprogramm: Ein schicker Ort mit Drinks und eleganten Gästen unter Palmen für einen Vortrag über Krieg. Ein Beispiel für die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Gewalt in der Welt.

Einleitend sagte Ganser zu den etwa 250 erschienenen Zuschauern einige Worte zur neuen Eskalation im Konflikt zwischen Israel und Palästina. Dabei betonte er, wie komplex die Situationen in Kriegen immer sind, weshalb es wichtig ist, sich stets vielfältig und aus Medien von den verschiedenen Seiten her zu informieren. So leitete er dann auch zum Thema seines Vortrags, den Ukrainekrieg, über und begann als Fußballliebhaber mit einer Roten Karte für den russischen Präsidenten Wladimir Putin für seinen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022.

Ganser betonte mehrfach, dass er die Invasion Russlands in die Ukraine für illegal hält, nachdem manche Medien ihm unterstellt hätten, er würde den Einmarsch nicht verurteilen. Weiter führte er aus, dass der Angriff Russlands in den Massenmedien als unprovoziert dargestellt wird, was nach Gansers Einschätzung falsch ist: Genau dies legt er in seinem Vortrag dar, in dem er vielen weiteren Staatschefs und Politikern die Rote Karte erteilt:

Foto: Screenshot YouTube Video zum gleichen Vortrag in Basel am 2. September 2023



Entgegen der Darstellung in vielen Leitmedien verstieß nicht nur die russische Regierung gegen das UNO-Gewaltverbot, sondern auch westliche Regierungen. So erteilte Ganser mehrere Rote Karten an die USA: an Präsident Bill Clinton für die NATO-Osterweiterung ab 1999, welche ein Wortbruch gegenüber Russland war, an Präsident George W. Bush für die Einladung an die Ukraine, NATO-Mitglied zu werden (2008), sowie an Präsident Barack Obama und den damaligen Vizepräsidenten Joe Biden für den Putsch in Kiew von 2014, welcher einen Bürgerkrieg verursachte.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erhielt eine Rote Karte, weil er nach seiner Wahl 2019 den Bürgerkrieg nicht beendet hat. Bundeskanzler Olaf Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock bekamen Rote Karten, weil sie Deutschland in einen gefährlichen Krieg mit Russland geführt haben, indem sie Waffen an Selenskyj liefern und in Deutschland ukrainische Soldaten ausbilden.

Und der Schweizer Bundespräsident Ignazio Cassis erhielt eine Rote Karte, weil er die Neutralität der Schweiz aufgegeben hat und sich am Wirtschaftskrieg gegen Russland beteiligt, ebenso wie der österreichische Kanzler Karl Nehammer.

Im Laufe seines Vortrags wies Ganser wiederholt auf die Wichtigkeit hin, verschiedene Medien zu konsultieren, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Sein Publikum solle auch ihm nicht einfach glauben, sondern zum Beispiel Medien aus den BRICS-Staaten für eine andere Perspektive und auch unabhängige Medien wie Multipolar, apolut und die Nachdenkseiten zu Rate ziehen. Und er sagte:

„Es ist wichtig, neutral zu bleiben. Meine Vision ist, dass wir alle zur Menschheitsfamilie gehören. (…) Ich glaube, wir können es als Menschen besser. Wir können Konflikte ohne Gewalt lösen. Das bedeutet, dass man aufeinander zugeht, dass man sieht: ‚Ah, ich sehe deine Sorgen, du siehst meine Sorgen, wir finden Kompromisse, wir suchen Lösungen. Wir müssen uns nicht töten.‘“

Ganser plädierte vehement für die Überwindung der Spaltung nach Geschlecht, Nation, Einkommen, Hautfarbe oder Religion. Er zählte auf, was die Menschheit aufgrund solcher Spaltungen alles getan hat: von Konzentrationslagern über Atombomben bis hin zu Agent Orange und Napalm auf Zivilisten.

Ganser weiter:

„Wir haben es eigentlich durch. Jetzt wären wir in Europa an einem Punkt, wo wir sagen müssen: ‚Wir brauchen das nicht mehr. Wir können miteinander sprechen.‘“

Foto: Screenshot YouTube Video zum gleichen Vortrag in Basel am 2. September 2023



Der Vortrag endete mit dem Foto einer Seerose. Ganser beschrieb, wie die vielen negativen Informationen — sowohl bei ihm durch seine Recherchen als auch bei seinem Publikum durch Nachrichten — zu innerer Unruhe und Angst führen, was wiederum gefährlich für den Frieden und den Zusammenhalt in der Gesellschaft ist. Dagegen sei es hilfreich, den Blick immer wieder auf Ordnung zu richten. Es geht um das Prinzip der Gleichzeitigkeit: Vieles in der Welt ist in Unordnung, aber eben nicht alles. Vieles ist auch in Ordnung. Als Beweis nannte Ganser die abgebildete Seerose:

„Die Seerose zum Beispiel ist in bester Ordnung. Sie ist durch den Putsch in der Ukraine nicht durch das Mindeste beeinträchtigt. Ich höre schon, Sie lächeln, aber ich meine es ernst.“

Speziell für die seinem Vortrag beiwohnenden Inselbewohner betonte der Historiker immer wieder, wie sehr auch das Schwimmen im Meer helfe, im eigenen Inneren Ordnung zu schaffen. Warum das für die Geopolitik und den Weltfrieden so wichtig ist, fasst ein Post in Daniele Gansers Instagram-Kanal gut zusammen:

Screenshot einer Story des Daniele Ganser Instagram-Accounts am 16. Oktober 2023



Ganser gelingt durch seine Klarheit, sein Charisma und seinen Humor die Kunst, Menschen für Geopolitik zu interessieren, ohne dabei irgendeine Sensationslust zu befriedigen. In seinen Vorträgen führt er immer wieder klar vor Augen, was Menschen einander antun, weil sie für geopolitische Machtinteressen durch Medien manipuliert werden.

Durch seine Art macht der Friedensforscher das Hinsehen erträglich und hilft immer mehr Menschen aus der Gleichgültigkeit zu erwachen, die all die Kriege mitermöglicht. „Gleichgültigkeit ist der schleichende Faschismus unserer Zeit“, schrieb der ehemalige Berufsschulpfarrer Hans de Boer dazu in seinem Buch „Gesegnete Unruhe“ und zeigt damit, wie wichtig die Arbeit von Menschen wie Ganser ist.

Es ist kein Widerspruch, sich mit den Kriegen in der Welt zu beschäftigen und zugleich die Schönheit des Lebens zu erkennen, zu genießen und zu erhalten.

Auf einer Insel wie Mallorca fällt Letzteres leichter als an den meisten Orten der Welt, weshalb es ein gutes Zeichen ist, dass sich auch hier so viele Menschen für Gansers Arbeit interessieren.

Links: Daniele Ganser und Manova-Redakteurin Elisa Gratias vor dem Vortrag. Rechts: Daniele Ganser Vortrag im Pueblo Español in Palma de Mallorca am 13. Oktober 2023. Fotos: Elisa Gratias



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