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Landhandel

Landhandel

Die Erde gehört uns allen oder niemandem — faktisch machen aber wenige Grundbesitzer damit den großen Reibach.

Viereinhalb Jahre ist es inzwischen her, da stand in unserem Dorf an unserer Bushaltestelle eine Dame. Es war Samstag. Am Samstag fährt in unserem Dorf kein Bus. Eigentlich fährt auch sonst kein Bus in unserem Dorf. Außer dem Schulbus. Allerdings gibt es in unserem Dorf keine Kinder mehr, die ihn benutzen würden. Die Bushaltestelle ist ein Relikt aus alten Zeiten. Was machte die Dame dort? Worauf wartete sie? Es war Samstag.

Sie hielt einen Besen in der Hand und hatte auffallend rote Haare. Neben ihr standen ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal. Und dann sah ich die Torte. Auf ihrem Kopf. „Kommen Sie ruhig näher, nehmen Sie sich auch ein Stück, so groß Sie wollen!“, rief sie, als sie mich entdeckte und reichte mir ein Messer. Hinter ihr, auf dem Dach unserer ausrangierten Bushaltestelle, prangte ein goldener Schriftzug: LANDHANDEL. Zwei Tage lang lud die Dame — die Schweizer Künstlerin Barbara Caveng — mit ihrer Torte auf dem Kopf die Menschen an unserer kleinen Bushaltestelle dazu ein, mit ihr über den Handel mit Land, über die Bodenfrage zu sinnieren.

Ausgangspunkt für diese ihre Arbeit im Rahmen des 6. UM-Festivals war der Landhandel im benachbarten Gerswalde, dessen Betreiberin, so schreibt es Barbara Caveng in ihrem Portfolio, ihr Geschäft im November 2018 nach 22 Jahren an eine Nachfolgerin übergab. Damit verschwanden auch die letzten original DDR-Produkte aus den Regalen, die noch von einem Land zeugten, das „verhandelt“ wurde.

Dieses Land war mein Land, das Land meiner Kindheit. Ich spüre bis heute eine tiefe Sehnsucht. Diese hat nichts mit Nostalgie zu tun oder verklären, beschönigen, sondern mit Wärme und Geborgenheit, mit Vertrautsein, mit Bildern, so vielen Bildern, mit Geschmack, mit Geruch...

Schon damals, als ich ein Kind war, hatte ich Angst um dieses Land, ach was, nicht nur um dieses Land, um alle Länder, um die ganze Welt. Noch immer sehe ich mich als Neunjährige auf dem unteren Bett unseres geschwisterlichen Doppelstockbettes sitzen, unglücklich darüber und verängstigt, weil ohnmächtig, eventuell miterleben zu müssen, wie Ronald Reagan auf den „roten Knopf“ drücken und uns alle mit einer Atombombe auslöschen könnte.

Warum? Weshalb? Wie kommen Menschen dazu, andere Menschen töten zu wollen? Töten lassen zu wollen? Und unsere Lebensgrundlage, unsere Erde noch dazu!

Ich blieb lange an unserer Bushaltestelle. Hörte den Gesprächen zu. Erfuhr von Überlegungen, die mir noch nicht gekommen waren. Zum ersten Mal, seit wir hier wohnten, ging ich auch in das Wartehäuschen hinein. Es war leer. Nur an eine der verwitterten Wände hatte Barbara Caveng ein Plakat gehängt. Heute hängt es in meinem Wohnzimmer. Ich habe es der Künstlerin abgeschwatzt.

Vor vier Wochen habe ich das Plakat auf eine Pappe geklebt, es mit Frischehaltefolie überzogen und mir um den Hals gehängt, als ich gemeinsam mit weiteren 50.000 Menschen am Brandenburger Tor für Frieden demonstrierte. Jedes Mal, wenn ich bemerkte, dass mein Plakat interessierte, bot ich an, stehen zu bleiben, damit es in Ruhe gelesen werden konnte. Es war interessant, die Menschen beim Lesen zu beobachten. Spätestens beim letzten Satz reagierten alle gleich, sie nickten, schauten mich an, nickten wieder und bedankten sich.

Auf dem Plakat — inzwischen hängt es wieder in meinem Wohnzimmer — ist Jean-Jacques Rousseau zitiert. Rousseau lebte im 18. Jahrhundert, starb noch vor der Französischen Revolution, und seine Texte sind noch so aktuell wie damals. 1755 schrieb er in seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“:

„Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen, DIES GEHÖRT MIR, und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der modernen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: HÜTET EUCH, DEM BETRÜGER GLAUBEN ZU SCHENKEN; IHR SEID VERLOREN, WENN IHR VERGESST, DASS ZWAR DIE FRÜCHTE ALLEN, ABER DIE ERDE NIEMANDEM GEHÖRT.“

Landhandel — der Handel mit dem Land

Mit wessen Land? Wem gehört was? Für wie lange? Meine Oma stammte aus Elbing in Westpreußen, heute Polen. Mein Name Mechsner kommt aus dem Land der Vorfahren meines Mannes, aus Schlesien, heute Polen. Die Vorfahren der Menschen, die jetzt auf „unserem“ Hof in Bobischau wohnen, waren aus der Ukraine — die seit 1922 zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gehörte — vertrieben worden.

Wer weiß heute noch, was ein „Jugo“ ist? Meine Kinder sind sich nicht sicher: „Ein Land?“, vermutet eine meiner Töchter. „Ich hab´s schon mal gehört, aber keine Ahnung, was das ist“, sagt die andere. Sasa Stanisic, einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller, bezeichnet sich als Jugo. In seinem Bestseller „Herkunft“ erzählt er davon, wie ihm sein Heimatland — Jugoslawien — verloren gegangen ist. Das, was einmal sein Land gewesen ist, gibt es heute nicht mehr. Sein Land Jugoslawien sind heute sechs Länder. Deren Anerkennung die Balkankriege mit mehr als 200.000 Toten vorausgegangen sind.

200.000 Tote. Etwa ebenso viele Tote — die Zahlen schwanken je nach Quelle — sind inzwischen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beklagen. Getötet mit Waffen aus Deutschland.

Auf der Friedensdemo am Brandenburger Tor traf ich auf eine Dame, die, abgesehen von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer, vermutlich das beliebteste Fotomotiv der Demo war. Sie stand in einem Panzer. Einem aufblasbaren Panzer, gedacht, um damit gemütlich auf dem Wasser dahinzutreiben. Oder weniger gemütlich wilde Kämpfe zu imitieren. Fassungslos stand ich vor der Frau. „Wo haben Sie den Panzer her?“, fragte ich. „Aus dem Schwimmbadbedarf“, antwortete sie. Sie zeigte mir, wo sie den Boden, auf dem mindestens drei kleine Kinder Platz gehabt hätten, um Panzerschlacht zu spielen, herausgeschnitten und an den Überbleibseln die Hosenträger ihres Mannes befestigt hatte, um in den Panzer hineinsteigen und ihn über der Schulter befestigen zu können.

Wenig später und nur einige Hundert Meter weiter stand ein richtiger, ein echter Panzer. Genauer: ein Panzerwrack. Dessen Panzerrohr zielgenau auf die russische Botschaft gerichtet war. Der Panzer, las ich zu Hause, stellte eine genehmigte Kunstaktion dar. Wieland Giebel, einer der Initiatoren, erläuterte, welcher Gedanken ihn zu dieser „Kunst“ veranlasst hatte:

„Das Regime wird untergehen, so wie das Dritte Reich untergegangen ist. (...) Hier in der Botschaft sitzen die Kriegsverbrecher. Deshalb stellen wir den Russen ihren Schrottpanzer vor die Tür.“

Natürlich könnte man fragen, warum vor anderen Botschaften keine Panzer stehen. Aber ich frage nicht, ich will nirgendwo Panzer stehen und noch viel weniger fahren sehen. Dieser Panzer riecht nach Kriegserklärung. Nach einer weiteren. Im Januar bereits verkündete „unsere“ Außenministerin, wenn auch „versehentlich“: „Denn wir kämpfen einen Krieg gegen Russland …“

Krieg

Er hat mich eingeholt. Ist wieder so präsent wie in meiner Kinderzeit. Damals kam er von zwei Seiten. Der eine, der Zweite Weltkrieg, war in der DDR für mich immer und überall gegenwärtig, als Mahner aus der Vergangenheit; der andere als Gefahr in der Zukunft wurde gehätschelt und gepäppelt vom Kalten Krieg der Gegenwart.

Wenn ich einmal einen Mann und Söhne hätte und es käme zum Krieg, dachte ich mir damals, verstecke ich sie. Ich hatte Fantasie. Ich malte es mir aus, sah es ganz deutlich, kann das Bild noch immer abrufen. Allerdings weiß ich inzwischen, da ich tatsächlich Mann und Sohn habe, dass ich niemanden, egal wie lieb ich ihn hab und wie sehr ich ihn beschützen möchte, verstecken kann, der sich nicht verstecken lassen möchte.

1941 wurde mein Opa eingezogen. Als ich etwa zwanzig Jahre alt war, begann ich ihn nach seinen Kriegserlebnissen zu befragen. Es war nicht viel, was mein Opa erzählte, aber das wenige habe ich festgehalten:

„Im ersten Winter des Krieges mit der Sowjetunion lag ich als vorgeschobener Beobachter in einem Schützengraben auf der Mondscheinhöhe vor Kronstadt, verlaust und verdreckt. Unsere Unterkunft war ein niedriger, kaum mannshoher Unterstand mit einigen harten Pritschen. Draußen war es am Abend bitterkalt, circa -40 Grad Celsius, sternenklar und windstill. Drinnen im Unterstand brannten keine Kerzen, sondern nur einige aus Handgranaten gebastelte Ölfunzeln sowie ein aus einer achtundzwanzig Zentimeter Kartusche selbst gebauter Kanonenofen, aus dem es qualmte. Diesen Ofen konnten wir nur nachts benutzen, am Tage hätte uns der Rauch verraten. Ich war Unteroffizier und Truppführer — Offiziere ließen sich vorne im Graben nicht sehen.“

Irgendwie erinnert mich das an Robert Habeck, der am 23. Februar letzten Jahres in der Sendung Maischberger „Die Woche“ äußerte: „Ich muss da nicht kämpfen, und ich werde auch nicht sterben in diesem Krieg …“ Nein, ein Herr Habeck muss da nicht kämpfen, auch eine Frau Baerbock nicht und vermutlich auch nicht der im vorauseilenden Gehorsam agierende Kriegskünstler Wieland Giebel.

Nein, um solche Kriege zu führen, hat man sein Volk, das geschickt wird, dem befohlen wird, mittels eines eben mal neu geschaffenen — nein, nicht Infektionsschutzgesetzes, dieses Mal heißt es vielleicht eher eines Notwehrschutzgesetzes.

Hat mein Opa in Erwägung gezogen, sich dem Krieg zu entziehen? Kannte er Carl Sandburgs Gedicht „The People, Yes“ von 1936, in dem es heißt: „Stellt euch vor, es ist Krieg, und keiner geht hin?“ Mein Opa ist gegangen, wie fast alle gegangen sind.

Von der Mondscheinhöhe erzählte er noch, dass eines Morgens einer seiner Kameraden vergessen hatte, den Ofen auszumachen. Dadurch geriet der Beobachtungsposten unter Beschuss, ein Volltreffer war nur noch eine Frage der Zeit. Mein Opa nahm die Beine in die Hand und peste weg, so schnell er konnte. Kurz darauf gab es den Volltreffer.

Irgendwann im späteren Kriegsverlauf erwischte meinen Opa die Ruhr. Einmal drückte es ihn dermaßen im Darm, dass er den sicheren Unterstand Hals über Kopf verlassen musste, um sich zu erleichtern. Die Ruhr war seine Rettung. Denn während er kackte, traf es den Unterstand. Seine Kameraden darin waren alle tot.

Immer wieder drängte ich meinen Opa, mehr aus dieser Zeit zu erzählen. Mein Opa sagte, er sei ein Meister im Verdrängen. Ich habe keine Ahnung, ob oder wie ihn diese Erfahrungen seiner jungen Mannesjahre geplagt haben — hat er von den Leichenteilen, die in den Bäumen hingen und die er mehrfach erwähnt hat, geträumt? Haben ihn die vielen Toten verfolgt? Zumindest die, auf die — noch lebend — er selbst gezielt hatte? Hat er Menschen getroffen? Wie kann man damit leben? Kann man damit leben? Opa wurde mehrfach verwundet. Zeit seines Lebens hatte er mit Granatsplittern zu tun, die in seinem Körper wanderten. 1945 wurde er wegen einer Hirnverletzung vorzeitig aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen.

Ich habe eine Freundin, deren zwanzigjähriger Sohn panische Angst davor hat, dass der Krieg zu uns kommen könnte, dass er eingezogen wird. Ich kann diese Angst verstehen. Ich mache mir ebenfalls Sorgen. Mein Sohn ist vierundzwanzig. Was würde er im Falle eines Krieges tun?

„Aber was willst du machen, wenn es um dein Heimatland geht?“, fragte mich unlängst ein Freund. HEIMATLAND. Ein großes Wort. Was ist dieses Heimatland — oder sollte ich besser fragen, wer ist dieses Heimatland —, in dem gerade so viel passiert, was nicht meinen Werten entspricht, ja mit ihnen kollidiert?

Seit meinen Kindertagen habe ich nie wieder wirklich gefürchtet, dass „wir“ — wir Deutschen — in einen Krieg verwickelt werden könnten. Auch heute will ich es nicht fürchten. Was aber soll ich davon halten, wenn eine Marie-Agnes Strack-Zimmermann am 1. Februar 2023 in den Tagesthemen von „Personen“ spricht, „die am langen Ende für uns in den Krieg, in eine Schlacht ziehen müssen, um unsere Freiheit zu verteidigen, und das mit ihrem Leben“? Wen, bitte schön, meint Strack-Zimmermann? Wer muss hier für wen und wessen Freiheit in die Schlacht ziehen?

Dieser Krieg schon mit Worten! „In die Schlacht ziehen“, das assoziiert bei mir sofort abschlachten. Erwin, den ich für mein Buch „Briefwechsel. Stimmungsbild einer viralen Krise“ interviewte, sagte: „Durch den Krieg hatte ich überhaupt keine Jugend. Als ich jung war, war ich schlachtreif. Da wurde man geopfert.“

Zeigt mir die Mütter, die ihre Kinder geboren haben, um sie in diesem großen Spiel des LANDHANDELS abschlachten zu lassen! Das Fernsehen, die Streaminganbieter und auch die Nachrichten sind voll von Filmen, Serien und Realitäten, in denen man sich genau anschauen kann, wie dieses Abschlachten aussieht. Es ist nicht fiktiv. Es ist absolut real.

Und wofür? Meine Großeltern haben erleben müssen, wie ihr Land — mit ihrer Hilfe, aber mit Sicherheit nicht in ihrem Interesse — erst zerstört und anschließend verhandelt wurde. Dem Land meiner Eltern, das mein Kindheitsland war, blieb die Zerstörung erspart. Allerdings ist das Gefühl, dass es irgendwie verhandelt wurde, bis heute präsent.

„Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen, DIES GEHÖRT MIR“

Gabriele Gysi sprach kürzlich in einem Interview von der innerdeutschen Grenze, die mein Kindheitsland umgab, als einem „gesamtdeutschen Kunstwerk“, das von mindestens sechs Armeen bewacht worden war. Damals wie heute, sagte sie, war Deutschland ein Spielball internationaler geopolitischer Interessen.

Und wir sind die Spieler im großen Spiel des Landhandels. Ich frage mich: Was passiert, wenn wir alle einfach nicht mehr mitspielen? Wenn wir ganz klar NEIN sagen? Ich habe Lust, es auszuprobieren. Einfach weil die Früchte allen und die Erde niemandem gehört! Und weil meine Kinder, genau wie die Kinder jeder anderen Mutter, kein Schlachtvieh sind.



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