Short Cuts. Mythen des Alltags
Was läuft
im Echoraum für letzte Ziele
starrt euch das immer Gleiche an
Die Hunde bellen früh und ohne Grund
sie lecken sich die Lefzen wund
Bleibt wo ihr seid — und fordert nichts
der Himmel rutschte in die Funktionale
und ließ seither kein Sinn-Finale
mehr zu
Der Alltag treibt ins Ungefähre
in Tranchen von Beliebigkeit
die Macht rückt vor
vermint das Feld der Gegenwart
von nassen Dächern tropft die Zeit
und ihr Vergehn
entpuppt sich höhnisch als Verseh’n
trübt euer Schicksal ein
wir Kinder aber tanzten einst
in der November Dunkelheit
rund um rote Grabeslichter
voll heißen Bluts
schien uns alles klar und dichter
Januar 2021
Früh am Bus
Passagiere die in die 969 nach Horrem einsteigen
gezeichnet von Bildern der Nacht
benommen noch
und dem Alltag entrückt
wie wenn ein ferner Chor
die Be-Troffenen
sanft geleiten wollte
an die Ufer der Flüsse von Babylon
um dort zu klagen
gegen ihr biblisches Verstummen
beißender Morgenwind
breitet sich in Wellen
im Inneren des Busses aus
bis der Fahrer auf leichten Knopfdruck hin
die Türen wieder schließt
ohne die Tickets geprüft zu haben
müde Zärtlichkeit
verschattet sein Gesicht
wenn er sich den Schutzbefohlenen
bei leise laufendem Motor
zuneigt
draußen aber treibt dichter Nebel
der sich im feuchten Atem
der Zurückbleibenden verfängt
Nachmittags am Strand
Wir lagen schon tief in der Macchia
als du endlich herankrochst (Paul Celan)
Schatten
noch im Oktober
auf heißen Sand geworfen
gesäumt vom Rauschen
der Unendlichkeit
Oh diese Botschaften
über die Meere
die Gier
nach dem Anhalten der Welt
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Quellen und Anmerkungen:
Nach der Veröffentlichung dreier Bücher , die allesamt unter dem tiefen Schatten des Coronaszenarios entstanden sind, bereitet Werner Köhne ein viertes Buch vor, in dem er den Clash zwischen Systemsprache und Poesie noch deutlicher zuspitzt. Im Zentrum stehen nun sogenannte Gesänge , die bewusst an antike und avandgardistische Muster anknüpfen und in dichterischer Form den Bedeutungsraum des Zivilisatonsbruchs ausschreiten: appellativ, poetisch, bissig und reflexiv.



