Was wie Science-Fiction klingt, wird gerade in Singapur zur Realität. An der National University of Singapore ist ein Prototyp eines biologischen Rechenzentrums mit 20 sogenannten CL1-Einheiten des australischen Unternehmens Cortical Labs in Betrieb gegangen. Statt ausschließlich auf Siliziumchips zu setzen, arbeiten die Systeme mit lebenden menschlichen Nervenzellen, die aus Stammzellen gezüchtet und über Mikroelektroden mit konventioneller Computertechnik verbunden werden. Die Neuronen empfangen elektrische Signale, verarbeiten diese und geben ihre Aktivität wiederum an das Computersystem zurück. Das System gilt als erstes unabhängig betriebenes, biologisch integriertes Server-Rack dieser Art.
Die Grundlagen dafür sind keineswegs neu: Bereits 1995 gelang Forschern die direkte Kopplung einer Nervenzelle eines Blutegels mit einem Siliziumchip. 1999 experimentierten Wissenschaftler des Georgia Institute of Technology und der Emory University mit miteinander verschalteten Blutegelneuronen, die einfache Rechenoperationen ausführen konnten. Der entscheidende Vorteil biologischer Systeme liegt dabei weniger in exakter Arithmetik – dort ist digitale Technik schneller und zuverlässiger – als in ihrer Fähigkeit, hochparallel, adaptiv und mit unvollständigen oder verrauschten Informationen zu arbeiten. Neuronale Systeme können ihre Verbindungen verändern und lernen, während sie zugleich nur einen Bruchteil der Energie vergleichbarer digitaler Ansätze benötigen könnten.
Das Projekt in Singapur versucht nun erstmals, diesen Ansatz von einzelnen Laborexperimenten in Richtung skalierbarer Infrastruktur weiterzuentwickeln. Die 20 CL1-Einheiten sollen unter anderem für KI-Forschung, Medikamentenentwicklung und neurologische Forschung eingesetzt werden. Ob biologische Rechner konventionelle Rechenzentren tatsächlich einmal teilweise ersetzen können, ist noch offen. Der Schritt vom einzelnen neuronalen Experiment zum betreibbaren Server-Rack zeigt jedoch, dass „Wetware“ inzwischen mehr ist als eine Idee aus der Science-Fiction.