BND-Chef warnt vor Schattenkrieg mit Russland
BND-Präsident Martin Jäger hat vor einer deutlich verschärften Konfrontation mit Russland gewarnt. Deutschland befinde sich bereits in einem russischen „Schattenkrieg“, der aus Sabotage, Cyberangriffen, Einschüchterung und anderen hybriden Operationen bestehe; daraus könne sich nach seiner Einschätzung auch ein offener gewaltsamer Konflikt entwickeln. Als Beispiel nannte Jäger den mutmaßlich russischen Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle. Zugleich erklärte er jedoch, ein groß angelegter russischer Angriff auf NATO-Gebiet sei weiterhin nicht wahrscheinlich – denkbar seien eher begrenzte militärische Aktionen, insbesondere im Baltikum.
Damit setzt sich die widersprüchliche deutsche Bedrohungskommunikation fort: Einerseits wird seit Jahren mit der Möglichkeit argumentiert, Russland könne ab 2029 oder 2030 zu einem Angriff auf die NATO fähig sein; andererseits hatte NATO-Generalsekretär Mark Rutte erst wenige Tage zuvor ausdrücklich erklärt, es gebe derzeit keine unmittelbare Bedrohung für NATO-Territorium. Jäger verschiebt den Schwerpunkt nun erneut: Nicht der große konventionelle Angriff steht im Zentrum, sondern ein bereits laufender, schwer greifbarer „Schattenkrieg“. Politisch ist diese Deutung keineswegs folgenlos, denn parallel fordert der BND-Chef eine deutliche Ausweitung der Befugnisse deutscher Nachrichtendienste. Der Begriff des hybriden Krieges schafft dabei einen äußerst weiten Sicherheitsrahmen, in dem Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation und klassische militärische Bedrohungen zunehmend ineinander übergehen.
Russland weist die Vorwürfe zurück. Präsident Wladimir Putin erklärte zuletzt, Russland habe weder 2029 noch 2030 noch 2050 die Absicht, jemanden anzugreifen, werde aber auf eine gegen Russland gerichtete Aggression reagieren.
Auffällig ist allerdings, wie häufig in den vergangenen Jahren Beschädigungen kritischer Infrastruktur zunächst in das Raster eines möglichen russischen „hybriden Angriffs“ eingeordnet wurden, bevor die Ermittlungen ein deutlich nüchterneres Bild ergaben. Beim Balticconnector zwischen Finnland und Estland etwa stellte sich heraus, dass die Pipeline 2023 durch den Anker des chinesischen Frachters NewNew Polar Bear beschädigt worden war; ob dies überhaupt vorsätzlich geschah, blieb offen. Noch deutlicher war der Fall des 2025 beschädigten Kabels zwischen Schweden und Lettland: Nach anfänglichem Sabotageverdacht kam die schwedische Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass schlechtes Wetter, technische Mängel und mangelhafte Seemannschaft zum Abwurf des Ankers geführt hatten – ausdrücklich kein Sabotageakt. Auch bei Nord Stream wurde unmittelbar nach den Explosionen öffentlich über eine mögliche russische Selbstsabotage spekuliert; die deutschen Ermittlungen führten Jahre später stattdessen zur Anklage eines ukrainischen Staatsangehörigen, wobei die genaue politische Verantwortlichkeit weiterhin Gegenstand der Ermittlungen und Auseinandersetzungen ist. Das macht russische Sabotageoperationen keineswegs unmöglich – zeigt aber, wie schnell aus einem zunächst ungeklärten Vorfall politisch ein russischer „hybrider Angriff“ werden kann, lange bevor belastbare Beweise vorliegen.