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Armut oder Elend

Armut oder Elend

Wer sich von den Verlockungen der Warenwelt unabhängig macht, kann sich auch ohne ein Übermaß an Besitz reich fühlen.

Es gehört wohl zum selbstverständlichen Instrumentarium eines freischaffenden Philosophen, dass er Begriffe genau analysiert und verbindlich benutzt. Für mein Dafürhalten und aus meiner Erfahrung heraus lohnt es sich, klar zu unterscheiden zwischen „Armut“ und „Elend“.

Vorab drei Anmerkungen:

  • Selbstverständlich berührt diese Thematik eine skandalöse Angelegenheit, die mit allerlei statistischem Material belegt werden könnte. Würde sich dadurch Wesentliches ändern?
  • Gewiss geht es mir bei meiner ebenso kritischen wie prospektiven Reflektion nicht darum, Armut zu verbrämen und aus ihr ein Ideal zu machen. Doch die ethischen Folgerungen aus dieser Betrachtung dürften erlösend und würdigend sein: Sich hierauf einzulassen, dürfte als sicherlich lohnenswertes Ansinnen gelten!
  • Schließlich möchte ich vorab hervorheben, dass meine Verwendung von maskulinen Begriffen die Frauen selbstverständlich mit einbezieht, auch wenn sie nicht ausdrücklich in der weiblichen Form genannt werden.

„Armut“, hierauf weist auch schon die Etymologie des Begriffs hin, ist ein quantitativer, also zählbarer Wert. Wie viele Schafe oder Kühe, wie groß die Ernte, welche Geräte oder Maschinen der Bauer besaß: In der agrarischen Welt von gestern waren diese Größen wesentlich, um zu Ansehen und vielleicht zu Macht zu gelangen. In gesteigerter Hinsicht lässt sich dies auf gegenwärtige Verhältnisse übertragen. Allein was geschähe in einem soziokulturellen Kontext, in welchem Güter als Kennzeichen der Gemeinschaft, der „Commonie“, keine Rolle spielten, weil das meiste Gemeineigentum wäre?

Auf moderne Bedingungen übertragen: Stellen wir uns eine Menschengruppe vor, deren Mitglieder gesund sind, weil sie in einem soziokulturellen Kontext leben, der zur Pflege, Erhaltung und gegebenenfalls Wiedererlangung ihrer gesundheitlichen Kompetenz beiträgt. Dort bedarf es der „zivilisatorischen Medizin“ nicht:

Statt der Ärzte, die als verlängerter Arm der Pharmaindustrie das mündige Subjekt zum Objekt, hier zum abhängigen Patienten entfremden, enteignen, gäbe es Ärzte, die wie Nonnen und Mönche ein Ehrenamt mit langem Erfahrungsschatz und großer Kompetenz bekleiden — dies habe ich genau so erfahren dürfen!

Dort, wo es keinen Ge- und Verbrauch von zu konsumierenden Pharmaprodukten gibt und keine das Bruttosozialprodukt steigernden geldlichen Umsätze generiert werden, werden die Menschen zwar als „arm“ gelten, weil sie — statistisch gesehen, aufgrund der üblichen Messwerte, welche stets auf Geldausgaben beruhen — der messbaren Leistungen und/oder Produkte gar nicht erst bedürfen.

Ein anderes Beispiel: In unserer „Zuvielisation“ ist es üblich und normal, dass Menschen Jahr für Jahr immer größere Entfernungen zurücklegen: entweder mit einem Verkehrsmittel wie Bahn oder Flugzeug; oder mit ihrem „Egotechnomobil“ (1). Die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegte Strecke ist, da nicht messbar, zumal da an keinen Einsatz von Fremdenergie gebunden, nicht relevant für die Berechnung des Bruttosozialprodukts.

Will heißen: Wer wörtlich „automobil“, also selbstbeweglich ist, trägt nicht zum an- oder vorgeblichen Reichtum einer Gesellschaft bei. Stellen wir uns nun demgegenüber eine Kultur vor, in welcher Menschen sich autonom bewegen, allenfalls unter Zuhilfenahme von Tieren, womöglich von Karren: Statistisch gesehen sind diese Menschen „arm“, da ihre Fortbewegung keine in Geld messbaren Jahres-Kilometer-Werte darstellt oder bewirkt.

Geht es jedoch diesen Menschen deshalb schlecht? Würde es ihr (Glücks-)Gefühl steigern, wenn sie sich — ganz im Sinne der zivilisatorischen Modernität und der Verkehrsideologien — sich von da nach dort egotechnomobil transportieren ließen? Diese bedingte den Einsatz einer erforderlichen Infrastruktur, eines Straßennetzes, von Tankstellen — woher kommt das Benzin? —, von Kraftfahrzeugen — woher? wie und wo hergestellt? — und würde sich das Bewusstsein einer Entfernung total verändern ... Kurz:

Wäre es die viel gerühmte Freiheit, dass sie sich einem System unterwerfen müssten, das auf dem Geld beruht und das deshalb der Maximierung von Profiten dient? Gäbe es Anlass, auf diese systemische Enteignung sogar stolz zu sein? Sie gar als demokratisch zu rühmen?

Es möge damit deutlich geworden sein, dass Armut an jene Messbarkeit gebunden ist, deren normative Werte nunmal sehr relativ sind: da von außen gelenkt! Wenn vorab bestimmt wird, dass eine Person einen gewissen Geldbetrag zum (Über-)Leben benötigt, sind all jene, denen dieser Betrag nicht zur Verfügung steht, mindestens suspekt. Ein Brandmarken könnte alsbald die Folge sein, allemal in einer Demokratur, die keinerlei Anderssein duldet.

So wie die einem Fiebermesser zu entnehmende Temperatur noch nicht an sich das Zeichen einer Krankheit ist, sondern womöglich ein Hinweis auf eine gesunde Reaktion eines gesunden Organismus auf ungesunde Umstände, so ist der zählbare Wert — ob Geld, Kilometer, Tonnen, et cetera — noch lange kein Indiz für Zufriedenheit, Glück, Freude. Es könnte im Gegenteil angenommen werden, dass die Notwendigkeit, geldliche Leistungen oder Güter zu kaufen, dem unbewussten Drang oder Zwang entspringt, eine innere Not abzuwenden. Diese subtile Abhängigkeit kann sogar in ein Suchtverhalten münden: Der Mensch erniedrigt sich dann selbst zu einem „zählbaren Etwas“ in einem Gesamtgetriebe; er ist dann Konsument oder Produzent oder „Arbeiter“ oder Verkehrsteilnehmer.

Dies habe ich in die Gleichung gekleidet: Aus der ursprünglichen Befriedigung von eigentlichen Bedürfnissen wird eine bloße Befriedung von gemachter Bedürftigkeit. Ließe sich daher nicht sogar postulieren, der Konsum sei umgekehrt proportional zur Erfüllung und daher zur primären, basalen Lebendigkeit? Ist es nicht klar, um das vorhin angesprochene Beispiel nochmals aufzugreifen, dass der Konsum von medizinischen Leistungen und von Pharma-Produkten umgekehrt proportional ist zur eigentlichen gesundheitlichen Kompetenz des einzelnen Menschen und seines soziokulturellen Kontextes?

Dies führt nun zum weiteren Aspekt, den ich mit dieser Reflektion hervorheben möchte: zum „Elend“. Es ist unheimlich, wie vielen Menschen es hierzulande schlecht geht, und zwar subjektiv-emotional oder objektiv-rational. Nicht etwa obwohl wir in einer solchen geldüberfluteten Welt leben, sondern gerade deshalb:

Wir werden — auch durch subtil wirkende Werbung — ständig mit angebotenen Verlockungen belästigt, welche die „Normen der Normalität“ in Richtung Konsum verrücken: Als ob das Gepriesene zum Lebens-Erforderlichen gehörte und daher selbstverständlich sei.

Diese ständige Reizüberflutung schafft ein systemimmanent nicht zu bewältigendes Problem: das Gefühl, nicht genug zu haben und deshalb als defizient betrachtet zu werden. Markantes Beispiel hierfür ist die Stimmung in einem Schulklassenzimmer: Angesichts des unentwegten Wettbewerbs aller gegen alle werden jene stigmatisiert, die nicht die angesagten, modischen Klamotten tragen, deren Eltern bei der falschen Bank ein Konto führen oder nicht die vorgeschriebene, beworbene Limousine fahren. Ein unentrinnbares Gefühl von Manko, von Ungenügend, von Bedürftigkeit macht sich bei den Betroffenen breit. Ist dies nicht ein Aspekt des Elends?

Dieses „Elend“ vervollständigt das Bild der immer längeren Schlangen bei den Suppenküchen oder des Ansturms bei Wohltätigkeitsvereinen: Es sind mehrheitlich keine Bettler, keine Obdachlosen, keine Arbeitslosen, keine Besoffenen oder Rauschgiftsüchtigen, sondern Menschen mit teilweise mehreren „Jobs“ im Niedriglohnsektor, die trotz Abrackern nicht genug erhalten, um sich und ihre Familie zu ernähren oder mit dem Nötigsten zu versorgen. Diese Menschen sind leider nicht lediglich „arm“, sondern „elend“. An dieser Stelle sei auf Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ hingewiesen (2).

Doch muss noch ein völlig anderer Aspekt des „Elends“ erwähnt werden: Der reiche Mensch, der sich alles leisten, also „Geld zum Fenster rausschmeißen“ kann — und dem es schlecht geht. Der Playboy, dem viele Geliebte huldigen, der mehrere Häuser mit vielen Bediensteten besitzt, der zahlreiche teure Sportwagen und eine Luxusyacht sein eigen nennt. Trotz all seiner Habe ist er so unglücklich mit sich und seiner Existenz, dass er in Alkohol oder Drogen flüchtet und sich vielleicht alsbald, vor lauter Verzweiflung, das Leben nimmt. Nein, nicht unter „Armut“ litt er, sondern durchaus unter einem nicht zu verkraftenden „Elend“. „Seine Seele ruhe in Frieden!“

Selbstverständlich werden sich nun viele Menschen fragen, ob es aus dem Ganzen eine mögliche (Er-)Lösung gibt. Da liegt es auf der Hand anzunehmen, der Armut könne begegnet werden, indem allen Menschen ein monatlicher Geldbetrag ausbezahlt wird, der ihnen das Überleben sichern soll. Was als „bedingungsloses Grundeinkommen“ („BGE“) bezeichnet wird, taucht immer wieder auf, als ob mit einem Zauberstab alle Probleme gelöst werden könnten. Welch ein Trugschluss! Welch eine ideologische Sackgasse!

Wie ich in meinem Buch „Gabriel“ (3) ausführlicher erörtert habe, löst das „BGE“ keine Probleme, sondern verlagert diese nur — und verschlimmert die Lage. Geht es um ein Einkommen — oder um ein Auskommen? Wer bestimmt — nach welchen Kriterien? — die Höhe dieser Zahlung? Woher kommt das Geld? Soll nun noch mehr Lebendigkeit in Geld umgewandelt und auf einem Markt zum Verkauf beziehungsweise Kauf angeboten werden?

Erahnen wir nicht die Unvereinbarkeit von (Geldes-)Wert (der Wert, die Werte: dieser Begriff kann in die Mehrzahl gesetzt werden und somit Zählbares, Rechen- und Berechenbares artikulieren!) und Würde — ein Begriff, den es nicht zufällig nur in der Einzahl gibt, weil diese Würde bedingungslos ist und keinem Menschen abgesprochen werden kann! Und, wesentlicher: Will ich überhaupt dem Staat noch mehr Macht gewähren, über mich und meine Lebensart zu bestimmen? Soll er, etwa bei Nicht-Übereinstimmung mit dem üblichen Narrativ repressiv werden können? Siehe beispielsweise das chinesische System. Ja, kann ich als freier Mensch es wirklich wollen, mich in dieser Art und Weise abhängig zu machen von einem „Vater-Staat“ und von seiner angeblichen und angeberischen großzügigen Wohlfahrt?

Am Rande sei bemerkt, dass eine solche Alimentierung den kreativen und aktiven Fähigkeiten der Menschen entgegenwirken könnte. Ich will das Leben der Genies, die unsere Kultur maßgeblich geprägt haben, nicht glorifizieren, doch Bach, Mozart, Beethoven, Schubert oder Bruckner; Van Gogh oder Rodin; Schiller, Kafka oder Hesse als Empfänger eines staatlich regulierten Grundeinkommens? Unvorstellbar! Die in Puccinis „La Bohème“ dargestellten Künstler leiden Hunger, frieren, hausen „unter prekären Bedingungen“ — doch sie bekennen sich zu ihrem künstlerischen Ethos.

Nein, das „BGE“ stellt keine (Er-)Lösung dar.

Wenn wir nun den Unterscheid von „Armut“ und „Elend“ sehen wollen, spricht doch nichts gegen Armut in dem Sinne, dass es um eine Minimierung der geldlichen und instrumentellen Abhängigkeit geht und folglich um eine Steigerung der sowohl persönlichen wie soziokulturellen Kompetenzen. Dass es hierfür fallweise einer Unterstützung bedarf, ist naheliegend und sollte nie versagt werden.

Grundsätzlich gilt zu sehen, dass die Fragestellung Armut/Elend ein Faktor der Entscheidung ist, ob wir Menschen es zulassen, dass wir einzeln oder mehrheitlich zu bloßen Instrumenten einer den Profit generierenden und maximierenden, als kapitalistisch bezeichneten Wirtschaftsweise werden — in deren Sog alles Lebendige, Naturhafte, Menschliche vereinnahmt und zu Gütern verfremdet wird; die hierbei erwartete Wertsteigerung ist ein Faktor der künstlich erzeugten Verknappung.

In Bezug auf die Wirtschaft sei angemerkt, dass dieser Begriff eigentlich etwas beschreibt, das mit minimalem Aufwand oder Einsatz eine hohe Effektivität aufweist. Wirtschaftlich ist eine Maschine, wenn ihre Leistung — unter Berücksichtigung aller Faktoren, auch der externen — sich eher lohnt als ohne. Ein Musterbeispiel für Wirtschaftlichkeit ist das Fahrrad, welches unter Einsatz von menschlicher Energie ein Höchstmaß an Mobilität erreicht. Wie Dupuy & Gérin (4) dargestellt haben, ist jede Form von Egotechnomobilität kontraproduktiver als das Fahrrad.

Wie müsste sich nun eine auf Minimierung des Einsatzes und Optimierung des Ertrages/Ergebnisses ausgerichtete Wirtschaft von der heutigen unterscheiden?

Wenn Menschen seit frühester Jugend als Persönlichkeiten gewürdigt werden, dürften sie für die ideologische Vereinnahmung der kapitalistischen „Zuvielisation“ kaum empfänglich sein. Will heißen: Das Ausbrechen aus dem Elend beginnt mit der ethischen Forderung, den Menschen, jeden Menschen zu würdigen: seine Selbstbestimmtheit, seine Kompetenz, seine sozial-solidaren Fähigkeiten anzuerkennen und zu respektieren. Und zwar von Anfang an. Bedingungslos und unbedingt. Indem Menschen als Subjekte befähigt werden, eine optimale Lebensweise für sich und für alle anzustreben und hierfür so wenig wie nur möglich und nötig einzusetzen, sind sie vielleicht „arm“ im Verhältnis zur selbstmörderischen „Zuvielisation“, aber sicherlich nicht „elend“!

Daher: Schluss mit der systemimmanenten Devise: „mehr desselben!“ Keine Reform eines bankrotten, untergehenden Systems! Keine falschen ideologischen Hoffnungen, die vom Eigentlichen ablenken! Sondern eine Erlösung durch die Ablehnung, an diesem lebensfeindlichen System mitzuwirken. Davon erlöst, dürfen wir uns freuen, ein gedeihliches Leben zu führen, das nach Selbstentfaltung ruft.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ — Albert Schweitzer (5).


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Zum von mir eingeführten Begriff „Egotechnomobil“ siehe: Stern, Bertrand, Weile statt Eile! Auf dem Weg zu einer Kultur der Muße? — (Klemm&Oelschläger) Ulm&Münster 1996
(2) Siehe beispielsweise: http://www.thundercloud.ch/pdf/Heinrich_Boell_Anekdote_Zur_Senkung_Der_Arbeitsmoral.pdf (aufgerufen am 23. April 2024)
(3) Stern, Bertrand, Gabriel — Vom Entdecken eines glücklich befreiten Lebens (Klemm+Oelschläger), Ulm 2020
(4) Dupuy, Jean-Pierre & Gérin, François, Produktveraltung — Auto und Medikament; in Technologie und Politik #1 — aktuell-Magazin, S. 167 f., (rowohlt) Reinbek bei Hamburg, Februar 1975
(5) Albert Schweitzer, Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben (Beck) München 1966

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