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Lob der Vieldeutigkeit

Lob der Vieldeutigkeit

Bedeutende Literatur lotet gern die ganze Widersprüchlichkeit des Menschen aus und enthält sich eines klaren Werturteils.

Die grundsätzliche Uneindeutigkeit der menschlichen Verhältnisse auszuhalten — darin besteht die großzügige Einladung der Kunst aller Epochen. Die Frage ist: Sind wir noch bereit, sie anzunehmen — in einer Lebenswelt, deren Bewusstseinsindustrie derart ausgefeilte Mechanismen entwickelt hat, dass unweigerlich als Spielverderber gilt, wer den Genuss von Zuckerwatte und Paradiesäpfeln verschmäht und sich stattdessen an Orten herumtreibt, an denen Gefahr lauert und niemand mehr für seine Sicherheit garantieren kann? Hermann Brochs Romantrilogie „Die Schlafwandler“ ist ein solcher Ort.

Gemütlich wird es dem Leser gerade nicht in der Gesellschaft von Joachim von Pasenow, August Esch und Wilhem Huguenau, befindet er sich doch unversehens — unter Verwandten.

Joachim von Pasenow ist Romantiker. Es ist das Jahr 1888. Da sind die letzten Romantiker längst tot, und wer noch immer an die blaue Blume glaubt, der ist aus der Zeit gefallen und irgendwie eine Witzfigur. Zumal wenn er seine unstillbare Sehnsucht ausgerechnet unter der Uniform eines preußischen Leutnants verbirgt.

In untadeliger Haltung streift Pasenow ziellos durch die schmuddeligen Gassen und Prachtstraßen des aufstrebenden Berlins der Gründerzeit, dann wieder über die stillen Feldwege des elterlichen Guts in der Mark Brandenburg, doch immer haftet seinen Spaziergängen etwas Unzeitgemäßes an. Pasenow gehört nicht hierher und nicht dorthin und in Wahrheit nicht einmal zu sich selbst, so sehr ist er in jedem Augenblick von Angst erfüllt: vor seinem Vater, den modernen Zeiten und den beiden Frauen, zu denen er in Beziehungen steht, die er nicht durchschaut und die seine Suche nach Reinheit und Kohärenz ins Groteske verzerren.

In Berlin ist es das böhmische Animiermädchen Ruzena, daheim Elisabeth von Baddensen. Die eine vollkommen Gegenwart, die andere Geschichte. Zwischen dem „Jägerkasino“, einem stadtbekannten Vergnügungslokal, in dem Ruzena abends auf Kundschaft wartet, und den Herrensitzen des niederen Landadels, wo Tradition umso höher gehalten wird, je mehr ihr realer Kurswert im Sinken begriffen ist, klafft ein Abgrund, dessen unwiderstehlichem Sog Pasenow dadurch Einhalt zu gebieten versucht, dass er die Knöpfe seines Uniformrocks stets bis auf den letzten fest geschlossen hält. Was darunter lauert, ist unaussprechlich.

Hermann Broch zeichnet die Figur eines Mannes ohne feste innere Konturen als Prototypen einer brüchigen Epoche, der sich an die Ideale der Vergangenheit klammert, um sich nicht selbst abhandenzukommen. Keine Erscheinung könnte im Berlin der Gegenwart unzeitgemäßer wirken, von den stillen Landgütern, die es längst nicht mehr gibt, ganz zu schweigen. Und dennoch begegnet dieser geborene Antiheld dem heutigen Leser keineswegs als Wesen von einem fremden Stern. Indem der Autor den Lebensvollzug seiner Protagonisten als unablässiges inneres Zwiegespräch inszeniert, gelingt es ihm, Fiktion und Wirklichkeit in ihrer Spiegelfunktion deutlich zu machen.

Es spielt dann kaum noch eine Rolle, ob es das Jahr 1888 ist oder das Jahr 2023. Die irisierende und irritierende Vieldeutigkeit dessen, was jeder von uns in jedem Augenblick erlebt, ist die Wahrheit über das Leben selbst, das seine Bedeutungen immerfort enthüllt und sogleich wieder verschleiert.

Unter dieser Perspektive betrachtet treten die Realien zwangsläufig in den Hintergrund: die Spitzenkleider der Damen, die Ausstattung des Jägerkasinos und der in der wilhelminischen Gesellschaft zentrale Begriff der Ehre, für die es sich allemal lohnt, sie im Duell auf die Probe zu stellen.

Doch all dies ist nur eine Folie. Es könnte jede andere sein: etwa das Berlin der Clubs und Coffeeshops; der Protagonist wäre IT-Spezialist, stammte aus der westfälischen Provinz und besuchte am Wochenende das „Berghain“; er wäre, nicht anders als Pasenow, dazu auserkoren und gleichzeitig verdammt, an seinen Wahrnehmungen und Einschätzungen zu verzweifeln.

Mithilfe der literarischen Technik des Bewusstseinsstroms gelingt es Schriftstellern wie Broch, aber auch Musil und Proust, in ihren großen — bisweilen auch groß gescheiterten — Romanprojekten Uneindeutigkeit und Nichtwissen als die tiefsten Wahrheiten des menschlichen Daseins in den Blick zu rücken.

Der unglückliche Pasenow, der ehrgeizige Kleinbürger Esch und der schlaue Geschäftsmann Huguenau sind ganz Männer ihrer Epoche und zugleich in der Zeit übertragbar, der Leser kann, sofern er dazu bereit ist, im Wechselbad ihrer Gefühlslagen sich selbst erkennen: Ja, dieser wankelmütige, in der Unauslotbarkeit seiner widerstrebenden Empfindungen und Gedanken hoffnungslos gefangene Mensch — das bin ich, und es sind alle Menschen. Es ist die Wahrheit über uns und unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die auf diesem unsicheren Grund gebaut sind.

Ambiguitätstoleranz: Dieser Stoßseufzer in einem ansonsten unbedeutenden Artikel ist insofern aufschlussreich, als er verdeutlicht, dass es keineswegs mehr vorausgesetzt werden kann, die schonungslose Selbsterkenntnis als literarisches Qualitätsmerkmal zu bewerten. Dass wir uns bei der Lektüre von „Schuld und Sühne“ gemeinsam mit dem Protagonisten tatsächlich wünschen, der Mord an der alten Pfandleiherin möge gelingen, wird nur mehr als notwendiges moralisches Übel markiert und nicht als psychologische Meisterleistung gewürdigt.

Der Leser als Komplize eines Mörders, zugleich eines Ungeliebten, der den einzigen Menschen, der ihm bedingungslos ergeben ist, wie unter einem inneren Zwang immer wieder von sich stoßen muss? Wie geht das alles zusammen? Und geht es überhaupt zusammen?

Es geht zusammen, allerdings unter der Voraussetzung, dass wir die grundsätzliche Vieldeutigkeit, in der sich unser Lebensfilm abspielt, nicht als Bedrohung begreifen, sondern als Preis unserer Lebendigkeit. Die gegenwärtige Tendenz, im Namen politisch korrekter Dogmen die Ambivalenzen in Kunst und Literatur auszuräumen, Sprache zu vereinheitlichen und Inhalte glattzubügeln, legt die Absicht nahe, dem Leser Kinderkleider anzulegen.

Die Literatur aber braucht keine Erzieher; sie wäre dann keine Literatur mehr, sondern Fibel. In Kunst und Literatur gibt es kein Richtig und Falsch, kein Zulässig und Unzulässig. Ihre Wirkungen konstituieren sich unvorhersehbar in jeder neuen Begegnung mit dem Leser. Die Bedeutungsfülle, die sie entfesseln, nach Art amtlicher Verlautbarungen domestizieren zu wollen, ist der Triumph der Endlichkeit über die Unendlichkeit, mithin der Tod der Literatur.

In Brochs „Schlafwandlern“ kann man den Vertrauensverlust in die persönliche Urteilskraft ziemlich genau nachvollziehen. Ist das Porträt Joachim von Pasenows noch als facettenreiche Innenschau angelegt, so verdrängt in den Romanen um August Esch und Wilhelm Huguenau zunehmend das äußere Leben die Exploration der Seelenlandschaften.

Tatsächlich sind die Protagonisten in einer sich rasant verkomplizierenden Lebenswelt so vollständig in ihre Geschäfte und Obliegenheiten verstrickt, dass ihnen schlicht keine Zeit bleibt, die tieferen Schichten ihres Seins und Handelns zu erkunden: eine Zeitdiagnose, die den gesellschaftlichen Status quo hellsichtig antizipiert. In der verwalteten Welt ist der Mensch nur mehr Verwalter und Verwaltetes zugleich: Wo bliebe bei dieser Zumutung noch Zeit zum Nachdenken?

Könnte es also sein, dass jenem Bekenntnis zur Unmissverständlichkeit, das heute von einem Autor erwartet wird und das man durch die Entkunstung der Kunst befördern möchte, eine Gesellschaftsvision zugrunde liegt, deren notwendige Voraussetzung der unmündige Mensch ist?

Sollte dem so sein, dann bestünde das Antidot in der Lektüre all jener rücksichtslosen Werke, die für Ebenbürtige geschrieben wurden und nicht für zu Belehrende: die Dostojewskis, Musils rätselhafte „Drei Frauen“ — für die Autorin dieses Artikels die Quintessenz dessen, was Prosa vermag — oder eben Brochs „Schlafwandler“, die nicht wissen dürfen, wie ihnen geschieht, damit der Leser umso klarer erkennen möge, wie ihm geschieht.


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