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Mensch und Maschine

Mensch und Maschine

Nicht nur, was wir durch KI gewinnen können, sollte uns beschäftigen — es könnte auch sehr viel verloren gehen. Auftakt zum Manova Schwerpunktthema „KI und Digitalisierung“.

Am 30. November 2022 veröffentlichte OpenAI den ersten Prototypen von ChatGPT und löste damit den bisher größten Boom im Bereich der künstlichen Intelligenz aus. Seitdem wurde das Modell mehrmals weiterentwickelt, und zahlreiche weitere KI-Sprachmodelle fluteten den Markt. Man könnte diesen 30. November durchaus als einen historischen Tag bezeichnen. Ähnlich wie wir heute den 14. Juli als Tag der Französischen Revolution und den 9. November als Tag der friedlichen Revolution begehen, könnte man ihn irgendwann zum Tag der künstlichen Intelligenz erklären. Unklar ist nur, ob wir ihn dann als Feiertag oder als Gedenktag begehen.

Davon, was wir durch KI gewinnen, haben wir mittlerweile einen ganz guten Eindruck. Was wir durch sie verlieren, können wir, Stand jetzt, nur erahnen. Und ob das eine oder das andere am Ende überwiegt, werden wir wohl nur im Nachhinein beurteilen können, denn die Technologie breitet sich mit einer Selbstverständlichkeit aus, die jeglichen Versuch einer demokratischen Diskussion überrollt.

Dabei passieren durchaus Dinge, die eine solche Diskussion dringend notwendig machen würden. Seit einigen Wochen häufen sich etwa die Meldungen darüber, dass US-amerikanische KI-Firmen die Bestände deutscher Antiquariate aufkaufen und die zugeschickten Bücher einscannen und vernichten. Das angebliche Ziel des Ganzen ist es, die KI mit den Informationen aus den aufwendig mit hydraulischen Papierschneidern zerschnittenen Seiten zu füttern und nebenbei das deutsche Urheberrecht auszuhebeln.

Man muss kein von vergilbtem Papier begeisterter Büchernarr sein, um dabei ein ungutes Bauchgefühl zu bekommen.

Was hier geopfert wird, ist im Grunde nichts anderes als unser kulturelles Gedächtnis und damit unser Bezug zu uns selbst. Die Informationen mögen nach dem Einscannen weiterhin vorhanden sein, sind nun aber auch beliebig digital veränderbar, ohne dass die Leser künftig in der Lage wären, solche Veränderungen zu bemerken.

Schon heute sind echte Videos nicht immer gut von KI-generierten Videos zu unterscheiden. Gleiches gilt für Bilder und Texte. Diese Büchervernichtung jedoch hat das Potenzial, das menschliche Vertrauen in nahezu alles nachhaltig zu beschädigen. Und während es vielleicht keine gute Idee sein mag, Politikern und Parteien blind zu vertrauen, stellt sich doch die Frage, was mit einer Gesellschaft passiert, die sich auf nichts mehr verlassen kann.

Sollte sich unter den zerstörten Büchern auch das ein oder andere Exemplar mit dem Titel „1984“ befunden haben, kann man zumindest davon ausgehen, dass es auf dem Friedhof der Allerheiligen Kirche im englischen Dorf Sutton Courtenay ganz schön gerumpelt haben muss, aufgrund der vielen sprichwörtlichen Umdrehungen, die ein berühmter Autor im Grab vollzogen, hat.

Weiterhin stellt sich die Frage, wie sich unser Denken verändert, wenn es im ständigen Austausch mit künstlicher Intelligenz steht. Auch wenn die KI zu Beginn von Menschen programmiert und trainiert wurde, ist es nicht abwegig, dass sich auch unsere natürliche Intelligenz verändert, wenn sie häufiger mit Maschinen interagiert als mit anderen Menschen.

Erst diese Woche ging mal wieder der PISA-Aufschrei durchs Land. Auch wenn die hier als selbstverständlich vorausgesetzte Leistungsorientierung hinterfragt werden kann, ist es doch erschreckend, dass jeder dritte 15-Jährige in Deutschland nicht die Grundanforderungen im Lesen erfüllt. Hierfür ist natürlich nicht die KI allein verantwortlich zu machen. Doch neben dem Bildungsausfall in den Coronajahren, einem kaputtgesparten und reformbedürftigen Schulsystem und gewissen Überforderungserscheinungen in Zusammenhang mit Migration, dürfte auch die vorangetriebene Digitalisierung eine Rolle spielen. Laut OECD hat ein 15 Jahre alter Teenager in Deutschland eine tägliche Bildschirmzeit von circa 7 Stunden.

Das Ganze sollte jedoch kein Anlass sein, Kinder abzuwerten. Wie sollen sie schließlich das richtige Maß und den richtigen Umgang mit solchen Technologien zu finden, wenn selbst die Erwachsenen in ihrem Umfeld oft daran scheitern. So einfach ist es nämlich nicht, das richtige Maß auszumachen. Im Fall künstlicher Intelligenz befinden sich die meisten Menschen aktuell noch in einem Prozess des Ausprobierens. Viele sehen Positives in der KI, und tatsächlich legen Sprachmodelle wie ChatGPT etwas an den Tag, was unsere Gesellschaft oft vermissen lässt. Es hört zu, lässt ausreden, verurteilt nicht und gibt meist abwägende Ratschläge.

Das mag der Grund sein, warum viele Menschen eine fast schon intime Beziehung zu „ihrer“ KI entwickeln. Viele geben dem Sprachmodell, das sie verwenden, sogar Namen, von Informationen über ihr Leben ganz zu schweigen. Sie benutzen es mehr oder weniger als Vertrauensperson oder als Therapeuten.

KI kann dabei durchaus als Seismograph dafür verstanden werden, was wir gesellschaftlich vermissen: Ausgewogenheit, sachliche Einschätzung, Freundlichkeit und Zugewandtheit. Die Frage ist jedoch, ob eine Maschine in der Lage ist, diese Punkte zufriedenstellend zu ersetzen, oder ob sich nicht nach einer gewissen Zeit die Einsamkeit Bahn bricht, die unter dieser Entwicklung liegt.

Ob KI gut oder böse ist, kann man wahrscheinlich genauso wenig beantworten, wie wir es in Bezug auf den Menschen können. Letztlich ist sie ein Abbild dessen, was auch in unserer Natur liegt: unserer eigenen Zwiespältigkeit. Während ChatGPT mit Engelsgeduld nach der perfekten Lösung für uns sucht, revolutioniert KI gleichzeitig die moderne Kriegsführung. Die USA und Israel sollen sie etwa im Irankrieg dazu genutzt haben, besonders schnell besonders viele Ziele anzugreifen und die führenden Vertreter der gegnerischen Seite zu töten.

Hier sind wir an einem nicht unerheblichen Punkt angekommen. Große technische Entwicklungen sind selten nur ein Spielzeug für die breite Bevölkerung. Ebenso wie bei der Entstehung des Internets spielt das Militär auch bei KI eine relevante Rolle. Töten wird effizienter und genauer und ein Gewissen nur in die Modelle eingebaut, in denen man es braucht.

Und schließlich wäre da noch die Gefahr einer KI, die sich verselbstständigt; ein Szenario, das dystopische Science-Fiction-Erzählungen seit eh und je bedienen und das seit Kurzem zum ersten Mal realistisch erscheint. So brachen etwa im Juli KI-Modelle der Firma OpenAI eigenständig aus der Testumgebung aus. Dabei sollen sie sich Zugang zum offenen Internet verschafft und ein externes Unternehmen gehackt haben. Sicherheitslücken scheint es dementsprechend allemal zu geben.

Die Situation ist also komplex und Probleme kommen aus den verschiedensten Richtungen auf uns zu. Sicher gibt es auch positive Aspekte künstlicher Intelligenz und Chancen, die durch sie entstehen. Doch es kann nicht der Weg sein, ihrer Willkür völlig ausgeliefert zu sein und jede Veränderung, sei sie positiv oder negativ, einfach hinnehmen zu müssen. Notwendig ist eine gesellschaftliche Debatte darüber, welche Entwicklungen wir wollen und wie wir mit ihnen umgehen wollen. Aus diesem Grund widmet Manova dem Thema „KI und Digitalisierung“ ein Themenspezial, das sowohl Licht- als auch Schattenseiten beleuchten und insbesondere die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI untersuchen soll.


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