„Man hat keine Ruhe“, klagt der junge Flüchtling aus Eritrea in einer Dokumentation. „Man arbeitet Zwangsarbeit, nur was die Regierung möchte, nicht was das Land braucht. Und man hat keine Freiheit.“ Die brutale eritreische Wehrpflicht ist der Fluchtgrund Nummer eins für Bewohner dieses Landes. „Diese Wehrpflicht ist unbefristet. Sich dieser Pflicht zu entziehen, das ist teilweise eine Frage des Überlebens“, heißt es in der Doku.
Man mag es eigentlich kaum glauben: eine unbefristete Wehrpflicht? Auch die Redaktion des politischen Portals „Atlas“ bestätigt dies. Der Moderator und die Korrespondentin Antje Diekhans berichten:
„In Eritrea muss jeder junge Mensch, ob Mann oder Frau, einen Militärdienst ableisten, und das auf unbestimmte Zeit. Man kann auch jederzeit wieder einberufen werden, und das nicht nur zum Militär, sondern auch für Zwangsarbeiten. Also zum Beispiel, um die Straßen zu teeren oder um Gräben auszuschachten.“
Militärdienst für immer
Verantwortlich dafür ist Diktator Isayas Afewerki, der das Land seit mehr als 30 Jahren beherrscht.
„Isayas bindet mit diesem Nationaldienst die Bevölkerung quasi direkt an sich. Oft werden Familien getrennt und können sich nur einmal im Jahr im Urlaub sehen. Wer seinen Urlaub überzieht, vor dem Nationaldienst fliehen will und dabei erwischt wird, kommt ins Straflager. Dazu kommt: Die Arbeitsbedingungen sind menschenunwürdig. Die Leute werden schlecht bezahlt, und es soll zu Folter und Vergewaltigungen kommen.“
Für die Eritreer ist der Militär- und Arbeitsdienst mit erheblichen biografischen Einschnitten verbunden. Auch wenn nicht alle immer dienen müssen — viele müssen es oft, lange und wiederholt. „Der Nationaldienst kann auch für immer der einzige Job sein, den ein Eritreer hat. Er ist nämlich zeitlich unbegrenzt. Er könnte also 18 Monate, drei Jahre oder 29 Jahre dauern.“ Eritrea hat 3,7 Millionen Einwohner, 200.000 davon sind derzeit Soldatinnen und Soldaten. Die Rechtfertigungsversuche des Regimes für diese harsche Politik kommen uns bekannt vor:
„Eritrea begründet diesen Militärdienst im Übrigen damit, dass man jederzeit für einen Krieg gewappnet sein müsse.“
Der Bürger als Eigentum seines Staates
Auch Amnesty International sagt es in einem Bericht: Der Wehrdienst in Eritrea sei „entgegen allen Behauptungen der Behörden weiterhin unbefristet und dauert häufig mehrere Jahrzehnte. Auch Jungen und Mädchen im Alter von 16 Jahren werden eingezogen, selbst Menschen über 50 werden erneut zwangsverpflichtet. Dies zeigen Interviews, die Amnesty International mit 72 Eritreern geführt hat, die seit Mitte 2014 aus dem Land geflohen sind.“
Letztlich beinhaltet dieses System eine Militarisierung des zivilen Arbeitslebens. Wenn ein Arbeitgeber wenig bezahlen und über disziplinierte Arbeitskräfte verfügen will, ernennt er diese mit Unterstützung der Regierung quasi zu Soldaten.
„Die Besoldung ist so gering, dass es unmöglich ist, eine Familie davon zu ernähren. Dieses System der Ausbeutung kommt Zwangsarbeit gleich.“ Eine der Folgen ist: „Kinder und Jugendliche sind gezwungen, arbeiten zu gehen, um für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sorgen.“
Kann man sich diesem unmenschlichen System nicht einfach entziehen?
„Menschen, die bei dem Versuch gefasst werden, sich dem Wehrdienst zu entziehen, werden unter schrecklichen Bedingungen inhaftiert. Sie enden häufig in inoffiziellen Gefängnissen, die sich unter der Erde oder in Containern befinden, mit nur begrenztem Zugang zu Nahrung, Wasser und Sanitäranlagen“
(Quelle: Amnesty International).
Staatsanmaßung auch in Deutschland
Warum dieses Beispiel im Zusammenhang mit dem Thema des Artikels? Eritrea steht für die Eskalationsform der Staatsanmaßung: Ein ganzes Volk auf Abruf, in der Verfügungsgewalt seiner Herren — das scheint der feuchte Traum jedes Sadisten zu sein.
Mit Recht können Leser fragen, ob Eritrea überhaupt in genügend Kriege verwickelt ist, um derart lange Militärdienstzeiten zu rechtfertigen. Obwohl es einen eritreisch-äthiopischen Krieg zwischen 1998 und 2000 gab sowie einen Einsatz eritreischer Soldaten im sogenannten Tigraykrieg in Äthiopien, löst dies das Rätsel der besonderen Militäraffinität von Machthaber Isayas nur bedingt. Es geht ganz offensichtlich nicht um die Sinnhaftigkeit des Dienstes, sondern erstens um den Akt totaler Unterwerfung eines ganzen Volkes, der offenbar als lustvoll erlebt wird, und zweitens um den finanziellen Vorteil, den Sklavenhaltung für die Halter ohne Zweifel gegenüber bezahlter Arbeit hat.
Gewiss erscheinen Vergleiche mit der geplanten Verschärfung der deutschen Rekrutierungsrichtlinien kühn. Der deutsche Militärdienst wird kürzer sein, und Soldaten werden ihn in der Regel überleben, solange kein heißer Krieg mit Russland ausbricht. Auch der „Komfort“ des Soldatenalltags dürfte größer sein. Mir geht es hier aber um eine Grundsatzfrage: um das Zugriffsrecht des Staates auf die Lebensgestaltung seiner Bürger.
Dürfen Regierende junge Menschen, die gerade noch mit der Entscheidung ringen, was sie aus ihrem Leben machen wollen, einfach abkommandieren — „Für ein halbes Jahr gehört ihr erst einmal uns“? Darf der Mensch, anstatt Zweck zu sein, zu einem Mittel degradiert werden: offiziell zum Schutz vor russischer Fremdherrschaft, in Wahrheit wohl eher für ein staatliches Umerziehungsprogramm mit integrierter Konjunkturspritze für die Rüstungsindustrie?
Die Presse: Wie immer Gewehr bei Fuß
Wie immer kommen bei den Berichten über die geplante Rekrutierung und Musterung der Soldaten, über das Losverfahren und die Vielleicht-Wehrpflicht in Deutschland wieder bestimmte Methoden der Medienmanipulation zur Anwendung, die uns vertraut erscheinen. Ich greife von den Berichten, die ich mir angetan habe, hier einen längeren Beitrag aus „Tagesschau 24“ heraus.
Auffällig ist dabei zunächst, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius öffentlich sagte: „Es muss niemand Angst haben.“ Was meint er damit? Dass der Krieg ohnehin nicht stattfindet? Oder dass er, falls er stattfände, gar nicht so schlimm wäre? Für diejenigen, die das annehmen, muss ich das Anschauen realitätsnaher Kriegsfilme wie „Im Westen nichts Neues“ empfehlen. Es habe eine „Einigung“ in der Wehrpflichtfrage gegeben, sagt der Magazinbeitrag — gemeint sind jedoch nur Union und SPD; mit den Menschen, die das alles vermutlich ausbaden müssen, glaubte man sich nicht einigen zu müssen, über die wird einfach verfügt.
Ein Fragebogen, so die Pläne von Pistorius, solle nun „Motivation und Eignung“ junger Menschen erforschen. Alle Männer ab Jahrgang 2008 sollen künftig gemustert werden. Sollte die Zahl der Wehrpflichtigen „nicht ausreichen“, kann eine Wehrpflicht durch den Bundestag beschlossen werden. Befragt wurde auch ein Wehrexperte: Stefan Niemann, dessen Qualifikation mit „Host des Podcasts ‚Streitkräfte und Strategien‘ von NDR Info“ angegeben wird. Niemann fasst die Segnungen der neuen Regierungsbeschlüsse so zusammen:
„Es bringt so was wie strenge Freiwilligkeit. Der Verteidigungsminister bekommt, was er wollte und aus meiner Sicht auch braucht. Nämlich die verpflichtende Musterung aller Männer eines Jahrgangs. Das ist wichtig, weil im Spannungsfall ja gar keine Zeit wäre, zu gucken: Wer ist da? Wie tauglich sind die Leute? Diesen Datensatz braucht die Bundeswehr, um planen zu können, falls das kurzfristig nötig ist.“
Noch kein richtiger Wehrdienst? Schade!
Die zusätzlich benötigte Anzahl von Soldaten beziffert er mit „80- bis 90.000“. Das wechselhafte Meinungsbild innerhalb der Truppe gibt Niemann in eigenwilliger Form wieder. Er unterscheidet zwischen Menschen, die über die neuen Beschlüsse froh seien, und solchen, die offenbar enttäuscht sind — aber nur darüber, dass es vorerst keine „richtige“ Wehrpflicht geben wird.
Weiter beklagt Niemann, dass „die Bundewehr auch noch nicht weiblich ist“, wohinter wohl die Vorstellung steht, dass es beim Töten und Sterben keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern geben dürfe.
Zum Glück müssen manche Fachbegriffe ja auch in woken Zeiten nicht umständlich gegendert werden, zum Beispiel „Gefallene“, „Verwundete“ oder „Leichen“.
Die baltischen Staaten, so der Experte, hätten über den nur halbherzigen Wehrwillen der Deutschen den Kopf geschüttelt. Nach allem, was in der Ukraine passiert sei, hätte man die Wehrpflicht doch wieder einführen müssen. In einer weiteren Szene der Dokumentation bekennt NATO-Generalsekretär Mark Rutte: „I’m very happy.“ NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst steht währenddessen nickend neben ihm wie ein Schuljunge, den sein Lehrer belobigt hat.
Dann lässt die ARD, die ja zeigen will, wie objektiv sie ist, die Opposition zu Wort kommen. Rüdiger Lucassen (AfD) sieht nur eine Alternative für Deutschland: flächendeckende Wehrpflicht statt kompromisslerischem Lavieren: „Das ist aus meiner Sicht schlicht unlauter. Anstatt gleich zu sagen, wir brauchen die Wehrpflicht, wir kommen ohne Wehrpflicht nicht aus.“ Nur Sören Pellmann (Die Linke) hält die Musterung und Erhöhung der Mannstärke für falsch. Ihm wird aber in dem Beitrag kein Raum für eine Präzisierung gegeben. Dem folgt natürlich die obligatorische Schäfchen-Umfrage auf der Straße. Ein junger Mann bekennt eifrig: „Ich würde das verteidigen wollen, was ich liebe.“ Ein Mädchen fordert mehr Konsequenz: „Entweder alle oder niemand.“ Schließlich dann doch noch eine wirklich rebellische Stimme, was man dem Sender zugutehalten muss: „Ich bin nicht bereit, für den Staat, weil irgendwelche Politiker das wollen (…), in den Krieg zu ziehen und andere Menschen, die eigentlich so sind wie ich, zu töten.“
Das Blut der anderen
In einer Umfrage für Welt TV wird angegeben, 54 Prozent der Deutschen sprächen sich laut Forsa für einen verpflichtenden Dienst bei der Bundeswehr aus. Angesichts der devoten Haltung der Bevölkerungsmehrheit in den Coronajahren halte ich diese Zahl für glaubwürdig. Würde es Respekt vor „unserer Demokratie“ und ihren Mehrheitsverhältnissen insofern nicht gebieten, alle jungen Leute erst einmal auf Verdacht einzuziehen? Ein passender Krieg hierfür ist ja in Arbeit. Eines kann man über die Befragten auf jeden Fall sagen: Es sind mehrheitlich Menschen, die selbst keinen Dienst leisten und nicht notfalls „für ihr Land“ sterben müssten. Eher sind es Leute, die sich „in weiche Kissen setzen“, während die Kinder „auf einem gottverlassenen Feld erfrieren“ müssten, wie es Reinhard Mey in „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ treffend ausdrückte.
„Irgendwie muss es entschieden werden. Irgendeine Möglichkeit muss gefunden werden, um den Bedarf der Bundeswehr zu decken“, sagt ein Mann auf der Straße. Sein Alter ist ungefähr 45.
„Die Bundeswehr“ erscheint in dieser Aussage als ein Moloch, der regelmäßig mit Kindern gefüttert werden muss, bis Bedürfnisbefriedigung erreicht ist.
Es knüpft sich aber noch eine weitere Frage daran an: Deckt der Staat eigentlich den Bedarf seiner Bürger an innerer Sicherheit, funktionierender Infrastruktur, Daseinsfürsorge, angemessener Repräsentanz im Ausland und schließlich Friedenserhaltung — der vielleicht dringendste Wunsch aller gesund empfindenden Menschen?
„Plötzlich“ sollen wir unser Vaterland wieder lieben
Hierzu hat Nius-Chef Julian Reichelt eine eloquente Video-Ansprache gehalten:
„Kein vernünftiger junger Mensch möchte für Friedrich Merz und Lars Klingbeil sein Leben geben. Niemand ist bereit, für das Deutschland zu sterben, das CDU, SPD, Grüne und FDP in den letzten Jahren geschaffen haben. Ein Land der politisch herbeigeführten Deindustrialisierung und der illegalen Massenmigration, in dem vor allem Politgeschöpfe wie Ricarda Lang erblühen und steuerfinanzierte NGOs vorgeben, was wir zu denken und zu sagen haben.“
Ich teile nicht alle politischen Ansichten Reichelts, wie etwa sein harsches Urteil zur Migration. Festzustellen ist aber: Gerade der linke Mainstream hat uns über Jahrzehnte eingebläut, dass wir keinesfalls heimatverbunden sein dürften, wollen wir uns nicht dem Verdacht aussetzen, die geistigen Erben von Völkermördern — der Nazis — zu sein. „Deutschland, verrecke“ war zwar nie offizielle Regierungslinie, eine mindestens skeptische, oft sogar selbstzerfleischend-nörglerische Einstellung dem eigenen Land gegenüber gehörte jedoch lange Zeit zum guten Ton. Auf einmal sollen wir „unser Land“ nun wieder zu einem Fetisch erheben, für den wir zu töten und zu sterben bereit wären.
Wir dürfen auf keinen Fall stolz auf Deutschland sein — aber unser Blut sollen wir in den Schützengräben auf Geheiß von Politikern vergießen, die nicht einmal unsere Hochachtung, geschweige denn unsere bedingungslose Gefolgschaft verdienen?
Reichelt sagt weiter:
„‚Wir müssen kriegstüchtig werden‘, verkündet Verteidigungsminister Boris Pistorius. (…) Was diese Forderung — kriegstüchtig — im Umkehrschluss bedeutet, das hat die Politik längst vergessen. Wenn mein Staat von mir erwartet, meine Kinder zu geben, dann sollte es ein verdammt guter Staat sein. Die Erwartungshaltung, die sich aus einer Wehrpflicht ergibt, ist offenkundig. Die Politik muss die Lebensumstände in einem Land so attraktiv gestalten, dass seine Bürger bereit wären, dafür ihr Leben zu geben. (…) Aber in einem zunehmend dysfunktionalen Staat wie Deutschland, wo man schon mal 10 Minuten in der Warteschleife festhängen kann, wenn man 110 wählt (…), in einem solchen Land sagen kluge Menschen: Bevor der Staat mich fragt, was ich für ihn tun kann und ob ich vielleicht für ihn sterben könnte, soll er erst mal wieder funktionieren.“
Wofür lohnt es sich, zu sterben?
Gewiss muss man hier die Frage stellen: Verrichten Soldaten ihren Dienst nicht eher für ihre Mitbürger als für den Staat? Den Mut, den es kostet, sein Leben „auf dem Feld“ zu riskieren, will ich nicht in Abrede stellen. Auch nicht die guten Absichten vieler Soldaten. Dem steht aber die Tatsache gegenüber, dass es sich faktisch oft um Verblendete, um Missbrauchte handelt, die schlechte Mittel anwenden, um einer schlechten Sache zu dienen. Ohne den stets verfügbaren Soldaten wären alle Machthaber und Kriegstreiber „allein dagestanden“, wie es der Songwriter Donovan in „Universal Soldier“ treffend ausdrückte. Oft handelte es sich um sinnlose Einsätze wie jenen in Afghanistan, der allein 60 Deutsche das Leben kostete und letztlich vergeblich war. Was genau haben diese Soldaten „für Deutschland“ getan — außer Geld zu verpulvern, das man besser für das Anlegen neuer Bienenweiden im Stadtgebiet oder für die Sanierung von Schultoiletten verwendet hätte?
Für drei Dinge lohne es sich, sein Leben zu riskieren, sagt Julian Reichelt: „Für die, die man liebt, für das, was man hat, für das, woran man glaubt. Für die Familie, für Haus und Hof und für die Freiheit.“ So eine Haltung ist, wenn sie eine reale Grundlage hat, ehrenwert. Man muss aber hier auch Wasser in den Wein gießen, an dem sich Patrioten oft besaufen. Eine Familie, die sie lieben, haben viele Deutsche noch. Ihr Besitz schmilzt jedoch angesichts des nimmersatten Zugriffs der Staatskasse und der desaströsen Wirtschaftspolitik zunehmend zusammen. Ebenso die Freiheit. Der Staat hat das gesamte Volk in den Coronajahren gedemütigt und entrechtet. Auch wenn viele bis heute im Reinen mit der Coronapolitik sind: Es bleibt eine relevante Minderheit, die mit ihrem Staat gebrochen hat, weil ihr Staat zuvor mit ihr brach.
Auf Geheiß der Regelmacher wurden Ungeimpfte in Restaurants und Kinos wie Hunde vor die Tür gejagt, weil die Entscheidung, die sie für ihren eigenen Körper getroffen hatten, den Machthabern nicht gefiel. Von ihnen wird nun gefordert, sie sollten für ebendiesen Staat ihre Kinder opfern.
Jugend heute: zuerst die Maske, dann das Barett
Noch augenfälliger wird die Anmaßung der Kriegspolitiker, wenn wir den Fokus auf die Kinder selbst lenken: Von denselben jungen Menschen, die man von 2020 bis 2023 teilweise den ganzen Tag über unter die Maske zwang, denen man täglich ein Wattestäbchen in einer höchst unangenehmen Prozedur tief in die Nasenhöhle rammte, die man winters in gelüfteten Räumen frieren ließ oder gleich nach Hause schickte, ihren überforderten Eltern oder der Verwahrlosung ausgeliefert — von ebendiesen jungen Leute verlangt man jetzt, sie sollten sich „Jawohl“ brüllend auf Deutschlands Kasernenhöfen tummeln, um später vielleicht in polnischen oder ukrainischen Schützengräben zu verbluten. Und das alles nur, weil Friedrich Merz oder Boris Pistorius dies so wollen, Politiker also, deren Arbeit einen solchen furchtbaren Krieg immer wahrscheinlicher macht.
„Die Kinder schützen vor allen Gefahren ist doch meine verdammte Vaterpflicht. Und das heißt auch, sie vor euch zu bewahren. Nein, meine Söhne geb ich nicht.“ Das Lied von Reinhard Mey besitzt bis heute einen hohen Bekanntheitsgrad und wurde von einer Künstlergemeinschaft neu eingesungen. Heute sind wir wieder so weit, dass die Verbreitung dieses großen Chansons im öffentlichen Raum behindert wird. Friedensnostalgie scheint nicht mehr so richtig in die momentane martialische Aufbruchsstimmung zu passen.
Frankreichs Generalstabschef fordert das Kinderopfer
Wie als wolle er den Vorwürfen Reinhard Mey gegen das Kollektiv der Kriegstreiber recht geben, forderte der französischer Generalstabschef Fabien Mandon im November 2025 von den Franzosen mehr Leidensfähigkeit — und die Bereitschaft, ihre Kinder zu opfern. Die Berliner Zeitung schreibt zu diesem Thema: „In Frankreich herrscht große Aufregung nach dem Auftritt des Generalstabschefs Fabien Mandon beim Bürgermeisterkongress in Paris. ‚Sie müssen die Bevölkerung auf künftige Konflikte vorbereiten‘, appellierte der oberste Militär des Landes in einer Rede an die Stadtoberhäupter. ‚Wir verfügen über alles, um Moskau abzuschrecken. Was uns jedoch fehlt, ist der Wille, das Leid zu ertragen, das mit der Verteidigung der Nation einhergeht‘, erklärte Mandon.“
Mit Blick auf die Söhne und Töchter der Franzosen sagte der Generalstabschef: „Wenn unser Land schwächelt, weil es nicht bereit ist zu akzeptieren, seine Kinder zu verlieren, weil man die Dinge beim Namen nennen muss, wirtschaftlich zu leiden, weil die Prioritäten in die Rüstungsproduktion gehen werden, dann sind wir in Gefahr.“ Statt der in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verbrieften essenziellen Werte („Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“) bezahlen Europäer heute von ihren Steuergeldern also Militärstrategen, die ihnen Tod, Knechtschaft und das Sichfügen in verordnetes Leid offerieren.
Agamemnons Entscheidung
Der Pfarrer, Moderator und Autor Jürgen Fliege schrieb unlängst auf Manova über die Tradition des Kinderopfers, welche oft genug nicht nur patriotisch, sondern sogar religiös verbrämt worden war. Hierzu noch eine kleine Geschichte: Als der Heerführer der Griechen, Agamemnon, mit seiner Flotte nach Troja segeln wollte, um an den Schauplatz eines Krieges zu gelangen, der hernach zehn Jahre dauern und das Blut unzähliger Menschen fordern sollte, schien eine Windflaute sein Vorhaben zu vereiteln. Ein Orakel prophezeite ihm, die Göttin Artemis zürne den Griechen. Sie fordere, um besänftigt zu werden, das schmerzhafteste Opfer: Agamemnon sollte seine noch minderjährige Tochter Iphigenie opfern. Sein eigenes Kind ermorden oder auf die Teilnahme an einem Krieg verzichten? Wie würden Sie in einem solchen Fall entscheiden? Für den Herrscher war die Antwort schon bald klar.
Der Dichter Euripides legte der Jungfrau Worte in den Mund, die suggerieren, sie habe sich bereitwillig für einen „höheren“ Zweck hingegeben:
„O mein Vater, hier bin ich; willig opfere ich meinen Leib für mein Vaterland und ganz Hellas, damit du mich zum Altar der Göttin führst und mich opferst, da dies die Ordnung des Himmels ist.“
So wünschen sich auch heutige Militärstrategen natürlich ihre Heranwachsenden. Und so wünschen sie sich deren Eltern: eher in der Art von Agamemnon. Fabien Mandon hat vorgemacht, dass dergleichen auch in heutigen, „zivilisierten“ Zeiten durchaus sagbar ist — in einem Europa, das vor nicht zu langer Zeit durch zwei verheerende Kriege verwüstet worden war. Ein nekrophiler Todeskult beginnt den öffentlichen Raum in Europa zu erobern.
Krieg — der Menschenschredder
„Ganz sicher nicht für euch hat ihre Mutter sie unter Schmerzen auf die Welt gebracht“, sang Reinhard Mey. „Doch“, antworten Politiker und Kriegsstrategen und beginnen damit, unsere Kinder zu registrieren, zu kategorisieren und zu verplanen. Vergleichen wir die Pläne und guten Wünsche, die Eltern ihren Kindern zu Beginn von deren Leben mit auf den Weg geben, mit dem Bild eines zerfetzten jungen Körpers, wie wir es aus vielen Kriegen kennen!
Wo wir als gesund empfindende Menschen ein liebenswertes junges Leben sehen — gefühlsoffen, unbeholfen, erwartungsfroh —, da sehen die Strategen Menschenmaterial, das sie jederzeit wie Holzscheite in das Feuer eines Krieges werfen würden, wenn es „unser Land“ — also ihre Wahnideen von Macht, Russenhass und Ankurbelung der Rüstungsindustrie — angeblich verlangt.
Jeder Krieg fungiert als Küken-Schreddermaschine für heranwachsende junge Menschen. Das Zerfetztwerden durch eine brutale Maschinerie ist dann quasi das Begrüßungsgeschenk der Gesellschaft für ihre erst vor kurzer Zeit geborenen Neumitglieder. Das war im Zweiten Weltkrieg so, in dem auch mein Vater eine hoffnungsvolle Musikerkarriere für die Hölle eines Kriegseinsatzes unterbrechen musste, den er nur mit viel Glück überlebte. Es war für die US-amerikanischen Vietnam-Soldaten so. Es ist heute so für die jungen Russen und Ukrainer in einem Massaker, an dessen Beendigung niemand so richtig interessiert scheint. Heutigen deutschen Kindern und Jugendlichen bleibt noch eine Galgenfrist. Die Chance, dass sie überleben, ist aus heutiger Sicht nicht schlecht. Auch wenn die, die dazu bestellt sind, Schaden von ihnen abzuwenden, „redlich“ bemüht scheinen, diese Chance wieder zu verspielen.
Dem Götzen opfern
Die Mächtigen haben einen Götzen geschaffen, um uns diesem dann im zweiten Schritt zu unterwerfen. Dieser Götze kann die NATO sein, die einem einzelnen Land wie Deutschland ein Kontigent von Soldaten zuteilt, das dieses zu liefern hat. Er kann auch „der Bedarf der Bundeswehr“ heißen oder anders. Das Motto scheint, in Umkehrung eines Ausspruchs von Immanuel Kant, zu lauten: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit als Mittel, niemals bloß als Zweck brauchst.“
Ist das Pflichtkontigent, diese heilige Zahl, festgesetzt, muss die deutsche Regierung eine entsprechende Anzahl von Menschen herankarren — egal auf welchem Weg. Mit Lügen oder mit Drohungen, mit Überredungsversuchen oder nackter Gewalt.
Das Überleben eines jungen Menschen, das „Nicht-Soldat-sein-Dürfen“ wird abhängig gemacht von der Bereitschaft einer ausreichend großen Zahl anderer Menschen, die sich statt seiner opfern. Von einer bloßen Selbstverständlichkeit mutiert unser Überleben somit zu einem Glücksfall, den uns ein günstiges Schicksal oder ein gnädiges Kreiswehrersatzamt gewährt.
Die Todeslotterie
Das Verfahren einer Lotterie, wie von der Regierung jetzt geplant ist, steht symbolisch für das Spiel des Staates mit unser aller Leben. Man erinnert sich unwillkürlich an den Film „Die Tribute von Panem“, in dem junge Menschen in einem diktatorischen Regime in öffentlichen Schaukämpfen gegeneinandergehetzt werden. Nur einer überlebt bei diesen „Spielen“: der Stärkste — also der, dem es gelungen ist, alle anderen zu töten. Ganz so wird es bei der Rekrutierungs-Lotterie der Bundeswehr nicht sein, denn Wehrdienst ist noch nicht gleich Kriegseinsatz. Und falls dieser sich als „notwendig“ erweisen sollte, besteht eine Überlebenschance, die vermutlich höher ist als für die kämpfenden Kinder von Panem.
Die Filmhandlung wirft aber noch eine andere Frage auf: Warum lassen sich im Film junge Menschen in den tödlichen Kampf gegeneinanderhetzen? Wenn ohnehin ihr Leben auf dem Spiel steht, warum dann nicht gleich gegen die Hetzer aufbegehren — den „wirklichen Feind“, wie es Hannes Wader in seinem bewegenden Antikriegslied „Es ist an der Zeit“ nennt?
„Hoffnung ist das einzige, das stärker ist als Furcht“, sagt im Film der Machthaber Präsident Snow. „Ein bisschen Hoffnung ist gut, zu viel davon ist gefährlich.“ Weil sie hoffen, in den Kriegen der alten Männer überleben zu können, ließen und lassen sich junge Menschen immer wieder darauf ein. Früher konnte man wegen Desertion erschossen werden. Das erschien vielen noch riskanter als der Weg an die Front. „Zu viel Hoffnung“ allerdings — das wäre die Hoffnung einer wachsenden Zahl von Menschen, den Krieg im Konflikt mit der Staatsmacht verhindern oder sich ihm kollektiv entziehen zu können. Vor einem solchen Szenario haben die Regierungen Angst.
Unterwerfung als einzige Option
Hier kommt ein bewährtes Hilfsmittel der Politik ins Spiel: das „Einspannen“ der etablierten Presse. Diese bedient sich auch der heutigen, hochgefährlichen Lage wieder einer bewährten Manipulationsmethode:
Zugleich mit ihren Berichten über die Willenskundgebungen von Spitzenpolitikern suggerieren die Medien die Unausweichlichkeit der Unterwerfung unter diese.
Es wird eine Konformitätskulisse geschaffen, vor der Widerstand völlig aussichtslos erscheint. Zum Beispiel werden in Umfragen junge Menschen, die sich gern fügen, solchen gegenübergestellt, die sich nur ungern fügen. Sich überhaupt nicht zu fügen, erscheint dagegen undenkbar. Ich glaube zwar, dass ein Zustand des Chaos, in dem sich niemand mehr an die Gesetze hält, nicht erstrebenswert ist. Allerdings wird die Gewohnheit, meist zu tun, was die Regierung beschließt, obsolet, wenn es um das mögliche Opfer des eigenen Lebens geht — ja schon dann, wenn von Bürgern die Einübung von Tötungsvorgängen verlangt wird.
Die Angst vor Strafe im Fall von Ungehorsam scheint absurd, wo Gehorsam das eigene Leben gefährden würde. Gewaltherrschaft hat deshalb vorsorglich die Todesstrafe für Kriegsdienstverweigerung eingeführt. Im derzeit noch milderen Deutschland verlässt man sich auf Propaganda, also auf die Verschleierung der Dringlichkeit der Situation. Das Selbstopfer wird als extrem unwahrscheinlich dargestellt wird; meist gerät diese Möglichkeit gar nicht erst in den Blick. Schon bald könnte aber folgendes Szenario aktuell werden: Ein Staat verlangt von einem Teil seiner Bürger, ihr eigenes Leben zu riskieren oder ihnen völlig unbekannten Menschen ihr Leben zu nehmen — in einem Krieg, den dieselben Befehlshaber mitverursacht, zumindest aber nicht verhindert haben, obwohl es die Gelegenheiten zum Friedensschluss durchaus gegeben hätte.
In dieser Situation ist es unbefriedigend, nur darauf zu setzen, dass sich Einzelne ihrer „Pflicht“ trickreich entziehen können. Nötig ist vielmehr kollektive Nichtkooperation mit offenem Visier: „Ich schwör’s und sag’s euch gerade ins Gesicht“, sang Reinhard Mey. „Nein, meine Söhne geb ich nicht. Nein, meine Töchter geb ich nicht. Nein, mein eigenes Leben geb ich nicht.“

Um den Zeitenwende-Wahn zum Besseren zu wenden, braucht es eine sich in der Bevölkerung ausbreitende Friedensstimmung. Dazu können wir alle etwas beitragen: durch aktives Widersprechen, Erläutern, Informieren in den uns zur Verfügung stehenden Foren und im Bekanntenkreis. Eine sofort umsetzbare Möglichkeit wäre die Manova-Flugblattaktion für den Frieden. Laden Sie hierzu die Zeichnung von Tina Ovalle herunter, drucken Sie sie in großer Zahl aus und verteilen Sie sie überall.
Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.
Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .
Quellen und Anmerkungen:
Am 5.12.2025 sind in verschiedenen Städten Deutschlands Aktionen und ein Schulstreik für den Frieden geplant. Hier eine Übersicht



