„Scheiß auf Notre-Dame!“, forderte 2019 der zwangsgebührenfinanzierte Komiker Moritz Neumeier seine Zuhörer auf, nachdem das Pariser Wahrzeichen den Flammen anheimgefallen war. Alles nicht so schlimm, so Neumeier, es handle sich schließlich nur um ein altes Haus. Kein Mensch sei gestorben und so verstünde er nicht, warum hier so viel Aufsehen darum gemacht werde. Gänzlich ratlos mache es ihn, dass in Windeseile Unsummen an Spendengelder für die Wiedererrichtung zusammengekommen seien, während es immer noch an Geldern für die Seenotrettung mangle — einer Sache also, bei der es wirklich um Menschenleben ginge.
Damals reagierte Gunnar Kaiser mit einer treffenden Videoantwort, in welcher er die Frage stellte, ob Moritz Neumeier Albert Camus‘ „Fremder“ oder Friedrich Nietzsches „letzter Mensch“ sei; also jemand, dem in einer profanen und unheiligen Welt alles gleichgültig sei. Den Komiker, den Kaiser immer wieder auf dem Kieker hatte, kritisierte er weiterhin dafür, dass er seine eigene Wertigkeit dessen, was es wert sei zu betrauern, verallgemeinere und abweichendes Betrauern als illegitim brandmarke. Solange auch nur ein einziger Mensch im Mittelmeer ertrinke, sei es nach Neumeier nicht zulässig, für die Zerstörung einer alten, geschichtsträchtigen Kirche auch nur eine einzige Träne zu vergießen.
Verbleichende Stadtbilder
Der Neumeier‘sche „Whataboutism“ war eine geistige Blaupause für das, was sich ein Jahr später mit der Corona-Operation fortan ereignete und Gunnar Kaisers Bekanntheitsgrad beflügelte. Mit einem Male galt als absoluter und einziger Wert — anstelle der Seenotrettung — die Vermeidung des Todes durch eine angenommene Infektionsgefahr von besonderer Tragweite.
Im Schatten dieser Priorisierung spielte es dann keine Rolle mehr, dass — anstelle von Notre-Dame — Innenstädte ausbrannten; nicht wortwörtlich, sondern wirtschaftlich und kulturell gesehen.
Wen kümmert es schon, so die Logik, ob traditionsreiche Geschäfte bankrottgehen und die Innenstädte aussterben, wenn dafür die „Pandemie“ eingedämmt werden kann? Fortgesetzt wurde dieses Muster im weiteren Verlauf der „neuen Normalität“, als die heimische Wirtschaft — und damit das Leben der Innenstädte — auf den Opferaltar gelegt wurde, um naturverachtende „Klimaziele“ oder die Sanktionierung Russlands umzusetzen.
Sechs Jahre nach dem ersten Lockdown sind die Auswirkungen in geradezu allen europäischen Großstädten unübersehbar: Die Hausfassaden der teils historischen Gebäude sind von den klaffenden Lücken leerstehender Verkaufsräume gezeichnet. Und wenn diese nicht leer stehen bleiben, so haben sich dort die Filialen von globalen und damit ortsfremden Lieferbuden, Fast-Food-Ketten und dubiosen Ramschgeschäften parasitär eingenistet. Bürgersteige und Fahrradwege sind alle paar Meter von den achtlos zurückgelassenen, da nur ausgeliehenen E-Rollern blockiert. Der Sinn von Städtereisen erübrigt sich mittlerweile, da zwischen den zur Musealisierung verdammten Wahrzeichen und denkmalgeschützten Gebäuden ohnehin jede Stadt durch die immer gleichen Läden gleich aussieht und beim Betrachter entsprechend nur eines erzeugt: Gleichgültigkeit. Es ist der Vorgang einer Zerstörung, die ohne Trümmer und Flammen auskommt. Die Gebäude stehen noch, sind intakt, doch das Innere ist leer, entseelt.
Vaporisierte Denkmäler
In einigen Fällen indes bleibt es nicht bei der rein optischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zerstörung. Um den skandalumwitterten und von Friedrich Merz eingebrachten Begriff des „Stadtbildes“ zu verwenden: Es gibt die Fälle, da ebendieses Bild nicht „nur“ verschandelt, sondern — punktuell — zerstört wird. Ein solcher Vorfall, der wie kein zweiter vor ihm dieses moderne Post-Corona-Stadtsterben versinnbildlicht, ist der Brand von Glasgow.
Das Union-Corner-Gebäude am Hauptbahnhof der schottischen Metropole wurde 1851 errichtet — zu einer Zeit, da die britischen Städte noch nicht einmal elektrifiziert waren — und stand stolze 175 Jahre, bis es dann von Flammen vernichtet wurde — ausgehend von einem Geschäft, das elektrische Einweg-Zigaretten verkaufte. „Vape-Shops“ wie dieser sind ein mustergültiges Beispiel für dubiose Geschäftsläden, bei denen die berechtigte Frage aufkommt, was sie überhaupt in einem historisch und architektonisch bedeutungsvollen Gebäude verloren haben? Als solches war das Union Corner von den schottischen Behörden gelistet — ein sogenanntes „B-listed-building“. Sollte es bei solchen Bauwerken nicht besondere, dem Schutz und dem Erscheinungsbild angemessene Sondervoraussetzungen geben, um in diesen Räumen ein Gewerbe betreiben zu dürfen? Erschwerend kommt hinzu , dass dieser 2024 eröffnete „Shop“ nicht einmal ordentlich registriert war und der Betreiber obendrein seine Umsatzsteuer nicht gezahlt hatte.
Will heißen: Ein altehrwürdiger Prachtbau wurde zur lodernden Feuerschale eines zwei Jahre alten, illegalen Plunder-Ladens, der hochgradig gesundheits- sowie umweltschädliche und ressourcenfressende Einweg-Vapes verkaufte.
In Zahlen ausgedrückt: Erst im letzten Prozent seines Bestehens nistete sich im Union Corner das ein, was ihm letztlich zum Verhängnis wurde.
2021 ereignete sich in Augsburg ein vergleichbarer Vorfall, der, hätte er sich einen Tag später zugetragen, zum 11. September der alten Fuggerstadt geworden wäre. Ein altes, denkmalgeschütztes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert in der Karolinenstraße brannte vollständig ab. Die Brandursache ging in diesem Fall nicht auf elektrische Zigaretten, sondern mutmaßlich auf einen elektrischen Roller zurück, genauer auf dessen Akku. Zu der damaligen Zeit waren E-Roller noch relativ neue Fortbewegungsmittel, die zunehmend das Straßenbild zu dominieren begannen und mit der Verheißung daherkamen, „klimafreundlich“ und emissionsarm zu sein.
Indirekt kann die Zerstörung des historischen Altstadtgebäudes als ein Opfer der Klima-Ideologie betrachtet werden.
Länger noch als das Union Corner existierte dieses Gebäude über ein halbes Jahrtausend, überlebte Weltkriege und andere Stürme der Menschheitsgeschichte und wurde letztlich von einem E-Roller zur Strecke gebracht.
In beiden Fällen, wie auch den vielen unerwähnten, sprang das Kurzlebige auf das Langlebige über und vernichtete es. E-Roller mit einer durchschnittlichen „Lebens“-Dauer von zwei bis drei Jahren und erst recht Einmal-Vapes stehen mustergültig für das Kurzlebige. Der Zeitgeist der 2020er Jahre ist generell durch Unbeständigkeit, Beziehungslosigkeit und Unverbindlichkeit charakterisiert. Architektonisch findet dies seinen Ausdruck in dem, was ich in meiner mehrteiligen Serie als „Würfel-Wüsten“ bezeichnete: aalglatte, seelenlose, unpersönliche Betonbauten. Und letztlich darf vermutet werden, dass die in Glasgow entstandene Lücke durch einen ebensolchen Betonquader gefüllt wird, der die Erinnerung an die vormalige Schönheit der Union Street vollständig vergessen, genauer verdampfen lässt.
Wenn dieses neue Gebäude errichtet ist, liegen die Trümmer des alten Bauwerks, also geschichtliche Relikte, schon längst auf einer Deponie — manche davon vielleicht sogar auf derselben, auf der ausgerauchte Vapes zerfallen. Sie werden wohl genauso in Vergessenheit geraten wie jene Vapes, die nach der Einmalnutzung weggeworfen werden. Es mag sein, dass in naher Zukunft eine kaum beachtete Gedenktafel die Passanten daran zu erinnern versucht, dass hier einmal ein bedeutsames Gebäude stand. Doch spätestens mit dem nächsten Google-Street-View-Update wird auch der digitale Schatten des Union Corners vollends verschwunden sein.
Das große Vergessen
Bleibt in Zeiten wie den heutigen überhaupt irgendetwas, wenn in Holz, Stein und Beton gegossene Geschichte verdampft? Damals, beim Großbrand von London im Jahr 1666, gab und gibt es sehr wohl eine bis heute währende Erinnerungskultur. Fünf Jahre nach dem städtischen Flächenbrand ordnete Karl II. die Errichtung eines großen Denkmals an, das zwischen 1671 und 1677 in Form einer 62 Meter hohen, begehbaren Säule erbaut wurde und bis heute als „The Monument“ bekannt ist.
Selbstredend lässt sich das „Great Fire“, welches nahezu eine gesamte Weltmetropole niederbrannte, nicht mit dem punktuellen Hausbrand in Glasgow vergleichen, wenngleich auch hier ein einzelner „Laden“ die Urquelle der Feuersbrunst darstellte — eine Bäckerei in der Pudding Lane. Zwecks Gegenüberstellbarkeit sei hier der Vergleich mit dem Großbrand von Los Angeles im letzten Jahr angestellt. Wie unterscheidet sich die Erinnerungskultur im 17. Jahrhundert mit der heutigen — so sie denn überhaupt betrieben wird?
Während in London fünf Jahre bis zum Spatenstich und elf Jahre bis zur Fertigstellung eines Erinnerungsmonuments ins Land gingen, steht in Los Angeles ein Jahr später nichts dergleichen in Aussicht. Und anders als man meinen könnte, wurden auch bei den Großbränden in L.A. historische Gebäude vernichtet, die es würdig wären, dass man sich an sie erinnert. Hinzu kommt, dass in L.A. eine 80-mal so große Fläche wie in London zerstört wurde; 350 gegenüber 4,36 Quadratkilometern, was natürlich im Verhältnis zu der jeweiligen Gesamtgröße der Städte unter Berücksichtigung der damaligen Zeit gesehen werden muss. Die rund vier Quadratkilometer entsprachen damals 80 Prozent der Fläche Londons, während die 350 Quadratkilometer in L.A. nur einen Bruchteil der Mega-Metropole ausmach(t)en. Unabhängig davon:
In schnelllebigen und bautechnisch hochentwickelten Zeiten wie den heutigen könnte man annehmen, dass ein ähnliches Monument wie das in London rascher errichtet werden könnte als noch im 17. Jahrhundert. Doch Stand 2026 beschränkt sich das Gedenken darauf, die Fahnen auf Halbmast zu hissen.
Ob es in den kommenden Jahren ein vergleichbares Pendant zum Londoner „Monument“ geben wird, ist ungewiss. Doch im Lichte der oben aufgeführten Schnelllebigkeit sollten darauf lieber keine Wetten abgeschlossen werden. Zu sehr passt die Vernichtungsschneise in die technokratischen Vorhaben, aus den verkokelten Trümmern eine neue Infrastruktur für Smart Cities zu errichten. Da stören Erinnerungen nur. Je weniger auf das vormals Dagewesene hindeutet und je nachhaltiger das Historische verdampft, desto besser für die Planer der 2030-Dystopie.
Den geistigen Acker für dieses „Ahistorisieren“ bestellen Menschen wie Moritz Neumeier, dessen Stimme man vielleicht sogar im Wind, der durch die Brandruinen pfeift, hören kann: „Scheiß drauf! Da ist ein altes Haus abgebrannt!“
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