Zum Inhalt:
Verlorene Wurzeln

Verlorene Wurzeln

Im Manova-Exklusivgespräch erklärt die palästinensische Friedensaktivistin A’ida Al-Shibli die Bedeutung unserer Wurzeln für den Frieden in und um uns — gerade für Deutsche.

Elisa Gratias: Willkommen zu einem neuen Gespräch auf manova.news mit einem besonderen Gast: A‘ida Al-Shibli aus Palästina und Portugal. Wir sprechen über Re-Indigenisierung. Ein kompliziertes Wort. Du gibst einen Onlinekurs mit Übungen zur Wiederverwurzelung. Wir erklären den deutschen Zuschauern, warum das für sie interessant sein könnte. Könntest du dich bitte zunächst kurz vorstellen? Was machst du? Was ist deine Verbindung zur Friedensarbeit? Denn das ist unser Anliegen. Die Vision für den Frieden.

A‘ida Al-Shibli: Danke für die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen, die ich nicht kenne. Deren Herzen für eine andere Realität schlagen.

Mein Körper wurde im besetzten Palästina geboren. Vor 54 Jahren. Ich wuchs umgeben von Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf. Bei all meinen Identitäten als Frau im Patriarchat, als Palästinenserin unter israelischer Besatzung, als Indigene unter anderen Palästinensern, wo alle nach der Moderne streben. Auch in meiner Familie. Und als Andersdenkende. Als Mädchen glaubte ich an meine Freiheit auch in der Liebe und in der Gesellschaft. Ich nenne es Feminismus. Sehr früh in meinem Leben hatte ich eine andere Botschaft. Ich brauchte Kraft, sie in die Welt zu bringen. Ich fragte mich, was die stärkste Kraft war, um die Botschaft zu verbreiten. Ich fand heraus, dass es Liebe ist. Wenn du liebst, hast du eine Autorität, deine Stimme zu erheben. Orientierung zu geben.

Ich bin aus dem Orient. Der Osten ist der Orient, weil er Orientierung gibt, da die Sonne dort aufgeht. Orientierung für jeden Tag gibt die Liebe. Sie öffnet das Herz, um zu sehen. Das Herz wird ein denkendes Herz. Liebe gibt die Fähigkeit, Schmerz zu sehen, Unrecht, das geschieht. Es nicht mit denen zu verwechseln, die es ausüben. Das ist die Essenz dessen, was ich als Kurs anbiete. Verbindung mit unseren Vorfahren.

So verstand ich die Systeme der Unterdrückung, die uns von unserem Land trennen, von unserem Erbe, uns abschneiden von unseren Wurzeln und den Vorfahren. Wir werden Werkzeuge dieser Unterdrückungssysteme. Wir werden zu denen, die für die Systeme arbeiten. Wir werden Unterdrücker. Wir denken, wir handeln für unsere Ideen. Doch wir werden benutzt. Ich lehre, diese Systeme zu erkennen. Wenn wir von Systemen sprechen, von Patriarchat, Kolonialismus, Imperialismus, Kapitalismus ... All die „Ismen“ trennen uns voneinander.

Wenn wir das verstehen, erkennen wir, dass die, die den Kapitalismus umsetzen, auch vom System benutzt werden. Liebe gibt also Orientierung für Menschen, für die Personen und Gruppen, die das System ausführen. Die Erkenntnis, ich werde vom System benutzt. Nicht zu meinen Gunsten.

Wenn ich reich bin, habe ich Zugang zu allem, was mir nützt, aber bin ich glücklich? Bin ich sicher? Fühle ich Zugehörigkeit? Ein offenes Herz?

Auf einmal verstehen wir, dass das nicht so ist. Selbst wenn wir Zugang zu allem haben, betrifft das nur 1 Prozent der Menschheit, die 50 Prozent des Wohlstands der Erde haben. Die restlichen 99 Prozent leben von den übrigen 50 Prozent. Das ist ungerecht. Also auch die, die zum 1 Prozent gehören, sind nicht zufrieden und sicher. Deshalb graben sie Bunker und wollen zum Mars. Die Welt ist so, wie wir leben, kein sicherer Ort für niemanden. Es ist kein lebenswerter Ort.

Hier können Sie sich das Gespräch zwischen Elisa Gratias und A‘ida Al-Shibli auf Englisch mit deutschen Untertiteln ansehen. Unter diesem Video können Sie die deutsche Übersetzung des Gesprächs als Text weiterlesen.
Manova sammelt keine nutzerbezogenen Daten. Auf YouTube, Spotify und Co. haben wir leider - noch - keinen Einfluss. Wenn Sie den Inhalt wiedergeben möchten klicken Sie bitte auf diese Box. Dann werden gegebenenfalls einige Ihrer Nutzungsdaten durch die jeweilige Plattform erfasst.

So zeigt sich die Ungerechtigkeit. Ich wurde als Indigene geboren und wuchs im besetzten Palästina auf. Selbst meine eigenen Leute, die modern sein wollten, auch ich, sahen herab auf meine Identität. Ich sah herab auf andere Indigene. Das Feld der weißen modernen Hierarchie war sehr stark. Ist es noch immer.

Als Mädchen wollte ich mich anpassen. Nicht auffallen. Ich verhielt mich anders. Beduinen und Indigene weltweit haben einen eigenen Dialekt, der Sprachkenntnissen zufolge der älteste und einmalig ist. Da er so anders war, wollte ich meinen Akzent ändern. Damit ich so spreche wie die anderen.

Später erkannte ich, dass mein Akzent Weltkulturerbe war. Wenn ich ihn nicht an meine Tochter weitergebe, verschwindet er. Würde meine Mutter ihn mir nicht geben, verschwindet er. So erkannte ich, warum wir auf Indigene herabblicken. Warum der Kolonialismus uns lehrt, auf Indigene herabzusehen.

Indigene erinnern uns an Kolonialismus, daran, was echt war, bevor es kolonisiert wurde. Sie erinnern den Kolonialismus an die heilige Verbindung von Menschen mit ihrem Land. Die heilige Verbindung bedeutet die Einheit, dass mein Körper auch Schlamm ist. Mein Körper als Homo sapiens ist aus Erde. Das ist sehr heilig. Als plötzlich Kolonialmächte von außen zum Land indigener Leute kamen, wurde diese heilige Verbindung nicht geschätzt. Im Gegenteil. Sie wurde als wild, schlecht oder primitiv bezeichnet. Schmutzig. Alles negativ. So wurden Menschen von sich selbst und vom Land getrennt und Hierarchien erschaffen. Indigene erinnern an die Verbindung. Die heilige Einheit mit dem Land, die der Kolonialismus kappen wollte.

Jetzt bist du sehr tief eingestiegen. Ich würde gern ein Stück zurückgehen. Bevor du nach Portugal gingst, warst du Krankenschwester in Jerusalem. Du hast Israelis und Palästinenser gepflegt. Dort hast du erkannt, dass sie alle Menschen sind, als du sie so sahst. Du hast erzählt, wie die Außenwelt und die Geschichte der Kolonialisierung mit dem zusammenhängen, was in uns vorgeht, was wir denken und fühlen. Warum wir so denken. Wie hast du das damals erkannt? Auch wenn du dir dessen nicht bewusst warst. Wie kamst du zu diesen Einsichten?

Danke für die Erinnerung. Ich möchte anmerken, dass dies ein Unterschied ist in der Erzählweise. Als Indigene erzählen wir Geschichten. Du fängst an einer Stelle an und erzählst ewig. Danke für die Struktur. Es zeigt, dass wir beide, du als deutsche Nachkommin und ich als Palästinenserin, zwei Welten repräsentieren. Wenn diese miteinander tanzen, gibt es kein Besser oder Schlechter. Es sind Qualitäten, die zusammen tanzen.

Du hast recht. Ich bin beruflich auch Krankenschwester, und ich habe in Hadassah gearbeitet, ein Dorf in Palästina, das 1948 eingenommen wurde. Es ist heute auch der Name medizinischer Zentren in Israel.

Ich arbeitete dort als Krankenschwester in der Notaufnahme, während der zweiten Intifada. Ich versorgte verwundete Menschen. Da waren im selben Raum ein israelischer Soldat und ein palästinensischer Aktivist. Ich versorgte beide. Beide waren jung und dienten einer Sache, an die sie glaubten. Beide verletzt, unter Schmerzen, beide traumatisiert. Beide würden sicher nicht wieder leben wie vor der Verwundung.

Da konnte ich sehen, wie Systeme Menschen benutzen, um etwas fortzusetzen, das sie Konflikt nennen, aber der Konflikt dient bestimmten Menschen. Nicht der Mehrheit der Juden, nicht der Mehrheit der Palästinenser.

Es sind Eliten, die diese Menschen aktivieren, und sie selbst werden zu Opfern dieser Systeme. Ich erkannte, wie sehr das System uns nutzt, und fragte mich, welche Systeme mich nutzen. Wie zeigen sich diese Systeme in mir selbst? Wie kann ich mich davon reinigen?

Es ist ein Heilungsprozess. Ich beschloss, dem System nicht mehr zu dienen, auch nicht als Krankenschwester. Das ist nicht mein Schicksal. Ich möchte immer mehr Menschen zeigen, wie Systeme uns nutzen. Und wie wir der Göttin dienen.

Du hast entschieden, dein Leben zu ändern. Jetzt lebst du in einer Friedensgemeinschaft in Portugal namens Tamera. Du hast gelernt, dein Inneres zu erforschen. Innere Kriegsstrukturen. Kannst du das erklären? Für verkopfte Deutsche, die zuschauen? Was heißt das? Wie hattest du diese Erkenntnisse?

Du hast Vorurteile gegenüber Deutschen, aber Menschen sind vielfältig. Auch in einer Nation. Es ist nicht gut, alle gleich zu sehen. Ich lebe mit vielen Deutschen in meiner Gemeinschaft. Deutschsprachigen. Ich sehe die Vielfalt bei ihnen.

Als ich erforschte, wie Menschen von Systemen genutzt werden, sah ich die Kleinfamilie als Werkzeug des Kapitalismus. Sie erhält den Kapitalismus. Um Kapitalismus zu überwinden, als Wirbelsäule für Kolonialismus, finden wir bei unseren Vorfahren, die in dezentralen Gemeinschaften lebten, die Antwort.

Ich kam von einem Stamm in eine Gemeinschaft. Doch aufgrund des israelischen Kolonialismus lebten die Stämme nicht mehr autark, mit gegenseitiger Unterstützung. Ich forschte nach, weil ich nicht wollte, dass meine Tochter so aufwächst wie ich.

Ich fand diesen Ort. Oder sie fanden mich. Sie luden mich ein, hier zu leben und zu forschen. Das war sehr verführerisch, denn ich verstand hier in Portugal in dieser Gemeinschaft die Kraft des Feldes. Das Kraftfeld, wenn Menschen zusammenleben, das Land ehren, über Wandel nachdenken, die Kraft eines Kollektivs mit einer Absicht zugunsten des Lebens. Das war ein Augenöffner. Tamera ist ein Ort der Forschung, wie Krieg auch in uns lebt. Krieg ist in uns.

Nehmen wir Vorurteile als Beispiel. Wenn Menschen, die Deutschen, die ich hier kennenlernte, über das Thema Israel und Palästina sprechen, weil ich damit kam, waren sogar sie, obwohl sie sehr gebildet sind, sehr liebevolle Menschen, voller Vorurteile über diesen „Konflikt“.

Es ist kein Konflikt. Es ist Kolonialismus. Sie hatten die Schuld verinnerlicht gegenüber Israelis und Juden wegen des Holocaust, den ihre Vorfahren taten. Sie verinnerlichten Vermeidung, da sie als Kollektiv schuldig waren.

Als Deutscher vermeide ich, über das, was in Palästina passiert, zu sprechen. Es gibt Vorurteile über Palästinenser verborgen hinter Islamophobie. Ich war schockiert, wie Islamophobie in vielen meiner Mitbewohner hier wirkt. Meiner Verwandten. Sie kennen den Islam nicht. Sie folgen einem politischen System, das Angst vor dem Islam macht. Wer Angst vor dem Islam hat, kann sich keine informierte Meinung zu dem bilden, was im Fruchtbaren Halbmond passiert.

Der Fruchtbare Halbmond ist ein Name für den sogenannten Nahen Osten. Naher Osten ist ein Kolonialwort. Nah für wen? Osten? Für wen? Osten für London. Das zeigt, wie all die Vorurteile Menschen von ihrer Meinung und Erkundung abhielten.

Das ist eines meiner Lieblings ... wie soll ich sagen ... -Spiele, -Beschäftigungen. Spielerisch Vorurteile überwinden. Bewusstsein und Humor zu nutzen.

Danke, dass du mir meine Vorurteile gegenüber meinem Volk zeigst. Es ist wichtig, auch über sich zu lachen. Uns selbst zu erlauben hinzusehen. Ohne Scham oder Schuld, da wir es sonst nicht machen. Neugierig aufeinander zu sein, wer wir sind.

Wie du eben erwähnt hast, wegen der Geschichte, speziell in Deutschland, gibt es all die Schuldgefühle. Vor allem für Deutsche, die nicht viele Freunde aus anderen Ländern haben. Sie wissen nicht, dass andere nicht so fühlen. Meine Freunde aus anderen Ländern sind immer überrascht, wie oft ich mich schuldig fühle. Sie lachen über mich. „Deine deutsche Schuld.“ Wir merken es nicht einmal. Das ist die Abstammung, das Thema vom Kurs, den du anbietest. Es geht um Wurzeln.

Ich nehme mich selbst und andere Deutsche als entwurzelt wahr. Ich fühle keine Wurzeln. Ich bin aus Ostdeutschland. Ich habe auch das mit dem Akzent. Ich schämte mich, denn er klingt dumm. Ich bin mir also all dieser Dinge bewusst, möchte mich mit Menschen oder Kulturen verbinden, die vorher da waren. Wir erinnern uns nicht. Als beginne die deutsche Geschichte mit den Nazis oder dem ersten Weltkrieg oder den Preußen. Worum geht es in deinem Kurs? Speziell für nicht Indigene? Was ist Re-Indigenisierung?

Danke für deine Selbstoffenbarung. Wie es in uns lebt.

In Bezug auf ihre Vorfahren sind die meisten Deutschen, die meisten meiner Schüler hier in Tamera, blockiert. Sie wollen ihre Vorfahren nicht anrühren. Wegen eines Systems von instrumentalisiertem Trauma, wie Naomi Klein es nennt. Das lässt die Deutschen immer daran denken, bloß nicht zu vergessen, was ihre Vorfahren beim Holocaust taten. Wenn man ihre Vorfahren erwähnt, wollen sie es nicht. Es ist eine somatische Reaktion. Eine Blockade. Hier brauchen wir Trauer. Trauer als Mittel der Entkolonisierung. Wir müssen die Kluft ansehen zwischen unserem Wunsch und der Realität. Die Kluft mit Trauer füllen. Es tut weh, und da ist eine Blockade in Bezug auf deine Vorfahren. Es gibt Schritte, um das zu durchbrechen.

Wie geht das? Ein Vorschlag besonders für Deutsche oder Österreicher ist die Erlaubnis für dein Herz zum Überspringen. Die Erlaubnis, für diese Übung einmal für eine Weile Monate, Wochen oder Jahre zu überspringen. Nicht zu vergessen! Die bewusste Entscheidung für die Forschung, zu dem zu springen in der Geschichte, was vorher war.

Es gibt so viele wundervolle Elemente, auf die ich hinweisen möchte, große Forschung über indigene Wohnweise. Marija Gimbutas, eine litauisch-amerikanische Autorin, schrieb ein Buch über das alte Europa. Über die Art, wie Germanen am Rhein lebten. Friedlich. Seht es euch an. Schaut nach. Sie ist eine litauisch-amerikanische Forscherin und schrieb „Die Zivilisation der Göttin“. Germanische Stämme und ihre Spuren. Bis dahin ging meine Forschung.

Ich lade Deutsche ein, nachzuforschen. Schaut eure Vergangenheit an und sucht positive Beispiele. Holt euch Inspiration für den Umgang mit Land und mit der Vergangenheit. Das Dritte Reich war nicht gut. Grabt nach euren Wurzeln. Ich muss das nicht tun. Das ist euer Job.

Ich kann euch zeigen, wie stolz ich zurückschaue, wie stolz ich Araberin bin, wie stolz ich Palästinenserin bin während des anhaltenden Völkermords meines Volkes und der körperlichen Bedrohung, die ich auch im entfernten Portugal fühle. Die Angst in meinem Körper, als Palästinenserin, während des im TV übertragenen Völkermords. Meine Handlung ist, meine Liebe zu meinem Volk zu teilen, meinen Glauben an mein Volk, meinen Stolz auf mein Volk.

Ich wünsche besonders Deutschen und allen anderen auch, ebenso zu fühlen. Ich weiß, während des Reichs hieß Stolz, über anderen zu stehen. Das nicht! Ich meine etwas anderes. Stolz, der aussieht wie eine Blume, die blüht. Nicht überheblich. Sondern stolz. Stolz, weil du lebst, weil deine Augen funktionieren, deine Ohren. Du kannst sprechen. Du bist stolz, zu leben. Freudvoll. Die Art Stolz wünsche ich allen.

Ich denke, Schuld und Scham sind frustrierend. Erlauben wir uns, Hüter des Lebens zu sein, die Rolle des mütterlichen Prinzips, der Liebe zu leben. Statt Schuld oder Scham übernehmen wir Verantwortung.

Du unterscheidest Stolz und Stolz. Lieben wir unsere Wurzeln. Finden wir in unserer Geschichte, was wir lieben können. Wir können sehen, was nicht gut ist, und daraus lernen. Nicht wiederholen. Und nicht einfach politisch korrekt sein, aber nicht fühlen. Wir sind abgetrennt vom Gefühl. Dann brauchen wir keine Überlegenheit. Sie kommt von Minderwertigkeit. Es geht um gesunden Stolz der Zugehörigkeit. Um Offenheit für andere Kulturen. Was ist Stolz? Uns voller Neugierde und Respekt auszutauschen.

Genau. Da ist die Erforschung der Vergangenheit. Und die Bescheidenheit zu sagen, nicht alles war perfekt oder gut. Verlieren wir das Vorurteil gegenüber Indigenen, alles sei gut. Hören wir auf, die Vergangenheit zu romantisieren.

Eine Übung in meinem Kurs besteht darin, Vorfahren zu nennen. Diejenigen, die positiv für das Leben wirkten. Ich möchte nicht jeden Vorfahren aus meiner Abstammung im heutigen Leben. Lasst uns bescheiden sein. Nicht jeder traf gute Entscheidungen. Lasst uns kritisch sein. Wen nennen wir?

Und auch darauf zu achten, auch selbst unserem Ideal gerecht zu sein. Wir brauchen Menschen, von denen wir lernen. Wir lernen durch Nachahmung. Wir brauchen Vorbilder, wie du sagst, die wir nachahmen können. Die so handelten, wie wir es heute wollen.

Zum Thema Nachahmung: Laut Forschung lernen wir zu 80 Prozent durch Nachahmung. Wir sind Tiere. Wir haben einen IQ und so, aber wir lernen durch Nachahmung. Es ist gut, zum Nachahmen positive Beispiele zu haben.

Passend dazu ist auch wichtig, dass entwurzelte Menschen verloren sind. Sie ahmen überall irgendwas nach. Man sieht Europäer mit Schmuck von anderen Völkern, während diese indigenen Völker im Amazonas, in Asien, Afrika, Turtle Island für die Bewahrung ihrer Symbole kämpfen. Sie sehen, dass sie einfach in Europa nachgeahmt werden. Von Europäern, ohne dass diese wissen, wer sie sind. Also Schmuck und so weiter einerseits, Ausbeutung indigener Völker andererseits. Man nimmt etwas, ohne das Protokoll dazu zu kennen, weil es schön ist.

Ich denke, die Rituale anderer indigener Völker zu kennen, kann das Tor sein, als Erinnerung an deine Aufgabe, bei dir zu graben. Du kannst dich schmücken mit Schönheit. Aber bewahre die Geschichte dazu. Sage: „Diese Ohrringe wurden von den Lakota gemacht.“ Es sind nicht meine. Sie sind kein Schmuck. Mein Volk machte es so. Erforsche, was deine Lebensweise ist.

Ich sage oft, dass Entwurzelte wie Europäer andere entwurzeln werden. Warum? Weil sie die Wurzeln anderer nicht schätzen. Weil ihre eure Wurzeln nicht kennt. Ihr kennt den Wert des Verwurzeltseins nicht.

Kann man Kolonialismus umkehren? Meinem politischen Aktivismus zufolge ja. Kolonialismus, wie wir ihn kennen, kam aus Europa, und die Welt erlebt noch heute den Einfluss des Kolonialismus. In Europa hatte er eine wichtige Etappe. Er entwurzelte zuerst Europäer von ihrem Land, ihren Bräuchen, ihrer Medizin. Können wir die Verbindung wiederherstellen?

Ich lebe gerade auch in Europa. Können wir die Verbindung mit dem Land, den Wurzeln, der Medizin, Völkern, dem alten Wissen in Europa wiederherstellen? Und dadurch wieder wissen, was unser Wert ist, unser Beitrag zur Welt, und andere nicht mehr entwurzeln? Kolonialismus lebt auch heute in Europäern, ohne zu verallgemeinern. Eine Art davon ist die Lebensweise des Konsums, der es braucht, dass Unternehmen in ihrem Namen, und in meinem, Rohstoffe fördern. Wenn ich in Europa lebe und so eine Lebensweise pflege, die sich so ausdrückt, dass Unternehmen weiter in Afrika, im Amazonas und Asien für mich arbeiten.

Ein bescheidenes Leben in dezentralen Gemeinschaften auf dem Land, das sich eher mir widmet als Wünschen, ist Wiederverwurzelung. Verwurzelung ist der Widerstand gegen Kolonialismus. Zurück zu den Wurzeln durch eine andere Lebensweise. Verbindung mit dem Land, mit Wissen, mit Wurzeln und Ritualen, die Zugehörigkeit schenken. Damit wir nicht durch Materielles kompensieren müssen.

Und durch echte Beziehungen. Ich kenne das aus meinem Leben. Seit ich die Selbsterforschung begann, hörte ich mit Shoppen auf. Als Teenagerin kaufte ich ständig Klamotten. Ich war mir nicht bewusst, wofür. Ich fühlte mich leer. Ich wollte die Leere mit Konsumgütern füllen. Seitdem ich begann, in mir selbst zu suchen, was fehlt, Schritt für Schritt, über 15 Jahre, baute ich andere Arten von Freundschaften auf, wo wir ehrlich sind, wo Konflikte uns helfen, uns tiefer zu verbinden, weil wir schlechte Seiten am anderen sehen und bleiben. Wenn wir unsere hässliche Seite zeigen.

Heute brauche ich kein Shopping mehr. Wenn ich etwas brauche, gehe ich zum Second-Hand-Shop. Nicht, weil ich ein Gutmensch sein will, sondern weil ich erfüllt bin und keine Konsumgüter brauche. Also viel weniger. Ich lebe immer noch in einer kapitalistischen Gesellschaft. Ich sehe den Unterschied. Deshalb schätze ich dein Angebot. Es erklärt mir so viel über meine Wurzeln. Ich bin aus Ostdeutschland. Ich kenne das Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber Westdeutschen. Ich verstehe jetzt. Es ändert meine Lebensweise.

Manchmal bin ich frustriert, dass im Westen, auch hier auf Mallorca, sich viele Menschen spirituell nennen, Zeremonien machen, aber sehr oberflächlich. Wie ein Konsumgut. Und sie merken es nicht. Wenn wir nur den Schmuck kaufen, weil er hübsch oder modisch ist, aber keine Verbindung fühlen, den Einfluss nicht fühlen, wenn wir nicht interessiert sind an den Geschichten, was woanders passiert, was bringt es dann? Dein Angebot ist anders. Du fragst: Wer bist du? Finde es heraus, finde deine eigenen Rituale und fühle es.

Okay. Du hast es genau zusammengefasst, was ich damit meine, mit innerer Leere. Wir sammeln Dinge, um uns zu füllen. All der Konsum füllt die Leere nicht. Nur Verbindung füllt sie.

Für alle, die Interesse haben, die sich wiedererkennen, das Gefühl der Leere kennen und mehr wissen wollen: Du bietest den Kurs online an. Niemand muss reisen. Vom 30. Januar bis zum 8. Februar.

Ja. Es sind sechs Webinare. Jeweils drei Stunden lang. Also sechs mal drei Stunden am Wochenende. Die Teilnehmer erhalten die Aufnahmen.

Es werden drei indigene Frauen sprechen, vom Volk der Samen in Europa, aus Palästina und von der arabischen Halbinsel. Sie zeigen uns praktische Übungen. Es klingt schön, sich mit den Wurzeln zu verbinden, aber wie geht das im Alltag?

Wir haben Forschung und Literatur gesammelt und geben es weiter. Dasselbe im Mai, aber anders. Dann biete ich eine Woche Übungen mit dem Land an. Denn es klingt etwas komisch, zu sagen „Wiederverbindung mit dem Land über Zoom“. Dann lade ich noch einmal ein, zu kommen und mich und andere Indigene zu treffen.

Da ist noch ein Thema, das bei kritischen Menschen wie unserem Publikum Fragen aufwirft. Was kostet der Kurs? Denn oft sind auch spirituelle Angebote teuer. Wie gehst du mit dem Dilemma um, dich für Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich einzusetzen und dann den Kurs anzubieten, erst online und später analog.

All meine Kurse sind auf Spendenbasis. Du gibst, was du kannst. Ich vertraue, dass die, die es können, mehr geben und die anderen, was sie können. Es ist eine Art gegenseitiger Unterstützung. Ich möchte keine Anschuldigung, dass jemand falsch sein Geld verdient. Aber Privileg ist eine Verantwortung. Was mache ich mit meinem Privileg?

Der Großteil meines Lebens als Person, die im System schwach ist, wird durch Spenden gedeckt und Geschenke von Unterstützern. Die Einnahmen durch den Kurs gehen an meine Gemeinschaft. Sie sind nicht für mich. Das ist eine andere Lebensweise. Ich lebe in einer Gemeinschaft, die mich versorgt. Ich gebe meine Geschenke an die Gemeinschaft. 15 Prozent der Kurseinnahmen sind für Kinder in Gaza. Das ist meine Art des politischen Aktivismus, was ich tun kann.

Diejenigen, die nicht viel Geld, aber Interesse haben, können also dem Link unten folgen. Es sich ansehen. Denn ihr gebt Orientierung auf der Website. Helft Menschen zu wissen, wie viel sie entsprechend ihres Einkommens zahlen können. Dann sehen sie, wo sie sich befinden. Manche denken, sie haben nicht viel, aber verdienen 4.000 Euro pro Monat, was für andere extrem viel Geld ist. Es ist sehr subjektiv. Ihr bietet eine Preisstaffelung zur Orientierung. Wenn jemand nichts übrig hat, kann er kostenlos teilnehmen oder später spenden. So lernen wir einen anderen Umgang mit Geld.

Genau. Re-Indigenisierung ist ein neuer Umgang mit Geld und materiellen Gütern. Wie erschaffen wir eine neue Beziehung mit Geld?

Es ist nur ein Mittel. Wie im Garten. Ein Hilfsmittel zum Umgraben der Erde. Geld ist ein Mittel. Wie verbreite ich es so, dass es meinen Bedürfnissen dient? Und denen anderer? Ich lebe nicht im Vakuum. Indigene leben in Beziehung und Verantwortung. Die individuelle Lebensweise ist eine Erfindung weißer Kolonien, die wir umkehren wollen.

Das ist auch ein wichtiges Thema. Die Einsamkeit, die ich schon sehr jung erfuhr. Viele ältere Menschen in Deutschland und anderswo haben keine Familie mehr, die sie pflegt. So viele sind einsam, eine zersplitterte Gesellschaft. Auf diese Weise können wir wieder lernen, zusammenzuleben. Machen wir das. Seien wir neugierig aufeinander. Das ist auch Teil des Angebots.

Die Einsamkeit. Ein heikler Punkt. Aus Einsamkeit hast du keinen Vergleich zu deinem Denken und Fühlen. Und dann suchst du nach Sicherheit für dich. Die Sicherheit geht oft auf Kosten anderer. Und macht dich nicht weniger einsam. Mehr Sicherheitsmaßnahmen machen einsam, aber nicht sicher. Du wirst ständig getäuscht. Deshalb so viele Selbstmorde, Depressionen, Unterschiede, die wir sehen.

Danke für dieses andersartige Gespräch. Ich bin sehr froh über diese Inspiration auf manova.news. Ich wünsche dir, auch wenn es dich überwältigt, viele Teilnehmer. Viele Menschen, die sich mit ihren Wurzeln verbinden, Gemeinschaft bilden. Danke dafür.

Danke für die Einladung. Danke.


Finden Sie Artikel wie diesen wichtig?
Dann unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.

Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .


Quellen und Anmerkungen:

Informationen zum Kurs:

Hier finden Sie alle Informationen zu A‘ida Al-Shiblis Onlinekurs vom 30. Januar bis zum 8. Februar 2026 auf Geschenkbasis (Englisch):

https://www.tamera.org/learn/online-course-re-indigenizing/

Hier finden Sie Informationen zu A‘ida Al-Shiblis Vor-Ort-Kurs in Tamera vom 26. Mai bis zum 1. Juni 2026 mit Preisstaffelung entsprechend dem Einkommen und der Möglichkeit finanzieller Hilfe für Menschen, für die auch der geringste Preis nicht bezahlbar ist (Englisch):

https://www.tamera.org/learn/re-indiginizing-practices-for-decolonizing-and-re-rooting/

Weiterlesen

Die EU als Krimi
Thematisch verwandter Artikel

Die EU als Krimi

Im Manova-Exklusivgespräch verrät der Autor Dominique Elsaesser die Hintergründe seines Brüssel-Romans „Spicy Files“, der einen Blick hinter die Kulissen der europäischen Hauptstadt wirft.

Das Ende der Illusionen
Aktueller Artikel

Das Ende der Illusionen

Der Sammelband „Mut zum Widerspruch“ bündelt zahlreiche Geschichten von Andersdenkenden, die deutlich machen, dass Rechtsstaat und Wissenschaft keine Konstanten mehr sind, auf die man sich uneingeschränkt verlassen kann.