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Die Ohnmacht des Geldes

Die Ohnmacht des Geldes

Die Mittelschicht erodiert, und die zuvor schon Armen fallen ins Bodenlose — deshalb wählt Manova das Thema „Armut in Deutschland“ ab dem 1. Mai 2024 als neuen Schwerpunkt.

Bereits seit 1890 gilt der 1. Mai in Deutschland und Europa als „Kampftag der Arbeiterbewegung“. Der eigentliche Ursprung liegt in den USA: Dort streikten am 1. Mai 1886 etwa 400.000 Arbeiter in verschiedenen Städten und forderten die Einführung eines Achtstundentags, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.

Seitdem hat sich in den Industriestaaten vieles geändert. Der Achtstundentag gilt heute, zum Beispiel zumindest in Deutschland, als selbstverständlich. Das bedeutet jedoch nicht, dass damit Ausbeutung und Armut der Vergangenheit angehören. Im Gegenteil:

„Der kollabierte Klein- und Mittelstand, die ruinierte Frisörin, der pleitegegangene Restaurantbesitzer und Buchhändler und zahllose andere Berufssparten, sie alle sollen als Billiglöhner in der ‚ver-amazonisierten‘ Digitalwirtschaft oder als Homeoffice-Digital-Sklaven beschäftigt werden, sofern sie überhaupt eine Beschäftigung finden“ (1).

Wichtig ist auch ein oft wenig beachteter Aspekt, die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Armut:

„Als absolute Armut ist dabei ein Zustand definiert, in dem sich ein Mensch die Befriedigung seiner wirtschaftlichen und sozialen Grundbedürfnisse nicht leisten kann. Relative Armut beschreibt Armut im Verhältnis zum jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld eines Menschen“ (2).

Armut in einem reichen Land wie Deutschland bedeutet also zusätzlich zur existenziellen Not auch den sozialen Ausschluss der Betroffenen. In den Medien und dem gesellschaftlichen Diskurs sind diese Menschen wenig bis gar nicht sichtbar, denn ihre Situation ist zu allem Übel auch noch mit großer Scham belastet.

Noch immer glauben bewusst oder unbewusst viele Menschen an die Meritokratie, wonach die Armut selbst verschuldet sei. Laut dem Politikwissenschaftler Ullrich Mies ist dies ein Ergebnis der Propaganda neoliberaler Herrschaftscliquen:

„‚Reichtum ist das Ergebnis von Leistung.‘ So lautet ein weiterer Leitspruch der neoliberalen Ideologen. (…) Aus ihrer Herrschaftsideologie ergibt sich fast nahtlos die nächste Propagandafloskel: ‚Armut ist das Ergebnis von Faulheit.‘ Die, die sich ‚im Wettbewerb‘ nicht bewährt haben, werden als die Schwachen, Dummen und Faulen abgestempelt. Diejenigen, die nicht mehr mitmachen können oder wollen, werden ausgegrenzt oder mit ‚Absturz‘ bedroht. Die ‚Ausgeschiedenen und Überflüssigen‘ werden nach unten getreten, denunziert und gedemütigt“ (3).

Aber ist es denn so verkehrt, beim Einkommen den Leistungsgedanken in den Vordergrund zu stellen? Jeder von uns kennt Menschen, die es durch harte Arbeit, durch Qualifikation und kontinuierliche Qualität zu Wohlstand gebracht haben: Ein Notarzt, der Leben rettet. Ein Unternehmer, der mit großem Risiko und 70-Stunden-Woche ein aufstrebendes Unternehmen aufgebaut und Dutzende Arbeitsplätze geschaffen hat. Eine Geigerin, die für die Beherrschung ihres Instruments jahrzehntelang geübt hat und Tausenden von Zuhörern mit ihrer Musik Freude bereitet. Dürfen diese Menschen nicht mehr verdienen als weniger ehrgeizige, die in ihrer Jugend lieber Fußball spielten und Partys feierten, während die Geigerin schon als Teenagerin täglich fünf Stunden übte?

Dieses Bild vom redlich verdienten Reichtum („Jeder ist seines Glückes Schmied“) ist nicht grundsätzlich falsch. Es wird allerdings in unserer Gesellschaft zu einseitig betont, wobei die unbequeme andere Seite der Wahrheit gern unterschlagen wird.

In einer Liste des Magazins „Stern“ werden 100 verschiedene Berufe hinsichtlich ihres Durchschnittsverdienstes miteinander verglichen. An der Spitze stehen Piloten mit durchschnittlich 6.927 Euro pro Monat, das Jahresgehalt ohne Weihnachts- und Urlaubsgeld beträgt 83.124 Euro. Das erscheint gerecht, schließlich handelt es sich um einen verantwortungsvollen, hoch qualifizierten Beruf.

Betrachten wir zum Vergleich den Spitzenverdienst eines Topmanagers. Wenn Steve Angel, Chef des Industriegase-Konzerns Linde auf einer Gehaltstabelle mit jährlich 40,04 Millionen Euro dotiert wird, so bedeutet dies: Der Manager „verdient“ fast das Fünfhundertfache des Piloten. Eine Stunde im Leben des Steve Angel ist also mit fünfhundertmal mehr Sinn, Bedeutung und gesellschaftlichem Nutzen angefüllt wie eine Stunde im Leben eines Piloten, in dessen Hände täglich Menschenleben gegeben sind? Nimmt man statt des Piloten einen Altenpfleger als Maßstab, so kommen wir schon auf ein Verhältnis von rund 1:15.826.

Angesichts solcher Dimensionen stellt sich die dringliche Frage: Kann ein Mensch solche Geldsummen „verdient“ haben? Und: Was soll er mit dem vielen Geld anfangen? Etwa 100 Schnitzel am Tag essen? 100 Lamborghini besitzen? Oder gar 100 Yachten? Eine mögliche Antwort auf diese Frage lautet: Vielleicht will ein Milliardär ja gar keine Schnitzel kaufen, sondern Menschen — zum Beispiel Medienschaffende oder Politiker. Müsste also Reichtum nicht schon allein wegen dessen unkontrollierten Machtpotenzials begrenzt werden?

Reichtum an sich wäre dann kein Problem, stünde er nicht in kausaler Beziehung zum Elend am anderen Ende der sozialen Leiter. Niemand neidet Steve Angel seine 100 Schnitzel oder gar Yachten, wenn für so manche Menschen der Weg zum Supermarkt nicht mit der Angst vor den erneut gestiegenen Lebensmittelpreisen verbunden wäre und wenn sie auf diesem Weg nicht zugleich Dutzenden von Obdachlosen begegnen würden. Denn egal wie sehr sich jemand bemüht, eine Leiter hinaufzuklettern, wenn oben schon jemand steht, wird er dort nicht ankommen. Das nannte Volker Pispers bereits vor Jahren den intellektuell schwer zu durchschauenden Unterschied von „alle“ und „jeder“. Jeder kann im Lotto gewinnen, aber eben nicht alle. Selten treffender formuliert als in Bertolt Brechts berühmtem Ausspruch:

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Vermutlich ertönt gleich der Vorwurf „Neiddebatte“, wenn man diese Zeilen heute zitiert. Ja vielleicht. Doch wir dürfen uns fragen, warum wir den Neid desjenigen, der nichts hat, auf denjenigen, der „fast“ alles hat, als unangenehmer empfinden als das Elend selbst.

Denn Neid bedeutet nicht, dass jemand „mehr als alle anderen“ besitzen will; er entsteht aus dem Gefühl der Ohnmacht, das entsteht, wenn jemand niemals einen Zustand erreicht, in dem er sagen kann: Es ist genug.

Zudem hat die Glücksforschung herausgefunden, dass ab einem bestimmten Niveau, bei dem die Armut überwunden ist, das Glücksempfinden nicht mehr parallel zur Höhe des Gehalts wächst. In einem Glücksforschungsportal steht:

„Es besteht zwar ein riesengroßer Unterschied zwischen dem, ob man ‚überhaupt kein‘ oder ‚genug‘ Geld hat, aber praktisch kein Unterschied mehr zwischen dem, ob man ‚genug‘ oder ‚sehr viel‘ Geld hat.“

Das zeigt: Menschen, denen ein Jahresgehalt in Millionenhöhe nicht genügt, sind auf Führungspositionen völlig fehl am Platz und gehören eher in psychotherapeutische Behandlung. Denn sie versuchen offenbar mit ihren übermäßigen Gehältern eine innere Leere auszufüllen, die möglicherweise ohne diesen Job überhaupt nicht erst entstanden wäre.

Menschengerechtes Handeln ist den meisten Politikern und Wirtschaftsbossen fremd. Doch auch in anderen Bereichen wie Gesundheits- und Friedenspolitik beobachten wir, dass Profit als alternativlose Maxime aller Entscheidungen gilt. Darauf zu warten, dass Politiker und Konzernchefs ihr Verhalten ändern, ist naiv und unrealistisch. Mögen die Beiträge dieses Themenschwerpunkts zum Thema „Armut in Deutschland“ Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, neue Einsichten bringen. Mögen sie den armen Menschen in Deutschland zu mehr Sichtbarkeit verhelfen und ein gerechteres und vor allem vertrauensvolleres Zusammenleben in unserer Gesellschaft fördern.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Ullrich Mies, „Transnationaler Staatsterrorismus , 27. März 2021
(2) Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, bmz.de
(3) Ullrich Mies: „Das 1 x 1 des Staatsterrors — der neue Faschismus, der keiner sein will“, Seite 74

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